
Von Dietmar H. Lamparter
Zwei Tage lang redeten sich Präsidium und Vorstand des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) in Frankfurt die Köpfe heiß. Doch am Ende der Marathonsitzung Anfang vergangener Woche genügte VDMA-Präsident Jan Kleinewefers ein Wort zur aktuellen Lagebeschreibung von Deutschlands beschäftigungsstärkstem Industriezweig: „schlecht".
Die Vorzeigebranche, die zwei Drittel ihrer Produktion ausführt und Deutschlands Ruf als „Exportweltmeister" begründete, steckt in der tiefsten Krise der Nachkriegszeit. Nachdem die 34 Sparten der mittelständisch strukturierten Branche bereits 1992 ihre Produktion in Westdeutschland um real sechs Prozent zurückfahren mußten, rechnet der VDMA für 1993 erneut mit einem Minus von acht Prozent. Gab der westdeutsche Maschinenbau 1991 noch annähernd 1,2 Millionen Menschen Lohn und Brot, so dürften es am Ende des Jahres weniger als erne Million sein.
Lange fiel den Vorständen nicht viel mehr ein, als über zu hohe Löhne und Sozialabgaben und die verfehlte Bonner Steuerpolitik zu klagen Doch offenbar beginnt die Krise jetzt, erstarrte Strukturen innerhalb der Branche selbst aufzubrechen. Bei diesem Prozeß übernehmen die Banken. vor allem aber die IG Metall eine ungewohnt aktive Funktion.
Die neuen Denkansätze zeigen sich am deutlichsten in einer von der weltweiten Investitionsflaute besonders gebeutelten Sparte, dem Werkzeugmaschinenbau. Die rund 370 mittelständischen Unternehmen fuhren zwar 1992 in Westdeutschland mit gut zwölf Milliarden Mark Umsatz lediglich knapp sieben Prozent des Gesamtumsatzes des Maschinenbaus ern, doch die Hersteller von Fräs-, Bohr-, Schleif- oder Drehmaschinen nehmen eine Schlüsselstellung ein: Es gibt von der Lippenstifthülse bis zur Luxuslimousine praktisch kein Industrieprodukt, an dessen Entstehung sie nicht beteiligt sind. Damit bestimmen die Werkzeugmaschinenbauer die technologische Entwicklung ihrer Kunden entscheidend mit „Richtig mies" sei die Lage der Betnebe, sagt Berthold Leibinger, Chef des schwäbischen Werkzeugmaschinenbauers Trumpf und VDMA-Präsidiumsmitglied. Die Auftragseingänge der ersten vier Monate brachen gegenüber dern Vorjahr um 43 Prozent ein. Wie schon 1992 muß die Branche im laufenden Jahr voraussichtlich einen Produktionsrückgang von achtzehn Prozent verkraften Noch halten die Deutschen in der Exportstatistik zwar Platz eins vor Japan und den Vereinigten Staaten, doch die weltweite Investitionsflaute hat die durch den Dauerboom zwischen 1984 und 1990 verdeckten Strukturschwächen der Werkzeugmaschinenbauer jetzt gnadenlos offengelegt Auch drastischer Personalabbau konnte den Sturzflug in die roten Zahlen nicht mehr aufhalten. Da die Maschinenbaubetriebe selbst in guten Jahren im Schnitt maximal 2,5 Prozent Umsatzrendite nach Steuern einfahren konnten (Prognose 1993: unter ein Prozent), sind kaum Finanzpolster vorhanden. Für viele Firmen ist das Ende der Kapitaldecke längst erreicht. Vor wenigen Jahren noch hochgehandelte Unternehmen wie die Maho AG in Pfronten und die Münchner Deckel AG konnten nur dank eines Kapitalschnittes den Konkurs vermeiden. Die Bielefelder Gildemeister AG hat bereits ähnliche Schritte angekündigt. Auf Druck der Banken wird noch in diesem Sommer die Fusion der einstigen Erzrivalen Deckel und Maho perfekt gemacht. Gildemeister wird bereits als Dritter im Bunde gehandelt Die Banken könnten den Betneben allerdings keine Patentlösungen hefern, hat Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper den versammelten VDMA-Oberen in Frankfurt klargemacht Doch der Druck wirkt. Was früher der Eigensinn der Mittelständler verhinderte, wird nun plötzlich zur Zauberformel: Kooperationen beim Vertneb, Service und im Einkauf sollen die Kosten drücken und die Eroberung der wachstumsträchtigen Märkte in Südostasien befördern. Besonders in Baden- Württemberg tut sich viel. Dort sitzt fast die Hälfte der deutschen Werkzeugmaschinenbauer, das „Erschrecken" ist deshalb im einstigen Muster-
Quelle: ZEIT online
http://www.zeit.de/1993/27/Auf-der-Suche-nach-dem-Dreh
26.07.1994
- Seite 9
München. Reuter
Die Gildemeister AG, Bielefeld. wird den in Konkurs gegangenen Werkzeugmaschinenhersteller Deckel Maho AG, Pfronten, übernehmen.
Der Konkursverwalter Werner Schneider gab Gildemeister den Zuschlag für den Weiterbetrieb der überschuldeten Allgäuer Gesellschaft, teilte das bayerische Wirt. schaftsministerium gestern mit. Gildemeister, an der die WestLB mit 20 Prozent beteiligt ist, ist bei der Finanzierung auf die Hilfe von Banken sowie des Freistaats Bayern angewiesen. Gildemeister-Chef Axel Kemna begrüßte die Entscheidung.
Ein Sprecher des bayerischen Wirtschaftsministeriums sagte, daß die Finanzierung stehe. Der Konkursverwalter habe nach einer Sitzung von Vorstandsmitgliedern der Gildemeister mit Bankenvertretern unter Leitung des bayerischen Wirtschaftsministers Otto Wiesheu (CSU) erklärt, die Übernahme sei perfekt, ein Finanzierungspaket geschnürt. Gildemeister hatte angesichts der Krise im Maschinenbau zuletzt selbst Verluste ausgewiesen.
Der Betriebsrat von Deckel Maho in Pfronten zeigte sich erleichtert über die Entscheidung zugunsten Gildemeisters. Darnit sei eine monatelange "Zitterpartie" zu Ende. Er befürchtet aber, daß nur 1 000 der 1 800 Arbeitsplätze gerettet werden.
Absturz hausgemacht
• Fortsetzung von Seite 19
Ohne gravierende hausgemachte Pannen und Mißgriffe wären allerdings Maho und Deckel kaum so tief abgestürzt. Die Münchner Friedrich Deckel AG, deren Produkte einst als die „Rolls-Royce unter den Maschinen" galten, verlor seit ihren größten Erfolgen Mitte der achtziger Jahre durch permanente Streitigkeiten innerhalb der Eigentümerfamilie und schwere Fehler in der Produktpolitik ständig an Boden und wurde bereits im Branchen-Boomiahr 1989 zu einem Sanierungsfall.
Von Hans Otto Eglau
Beim Wachstum das Maß verloren: Deckel und Maho wurden Opfer verhanqnisvo ller Feh einschätzungen Von Euphorie war von Anfang an nicht viel zu spüren. Vielmehr drückten tiefe Skepsis und Zweifel die Stimmung der Hauptversammlungen, m denen die Aktionäre der Werkzeugmaschinen-Konkurrenten Deckel und Maho im Sommer vergangenen Jahres die Fusion beider Firmen beschlossen hatten. In einem waren sich Manager und Kapitaleigner aber einig: Das Zusammengehen war die letzte Chance, die angeschlagenen Traditionsunternehmen vor dem Zusammenbruch zu bewahren
Die Chance blieb, wie es scheint, ungenutzt: Kaum mehr als ein halbes Jahr später, am Freitag vergangener Woche, mußte Hermann Mund, Finanzchef der Deckel Maho AG, das gerichtliche Vergleichsverfahren beantragen. Ein in fieberhaften Verhandlungen zwischen Management, Gläubigerbanken, Politikern und – in letzter Phase mit dem Pensions-Sicherungs-Verein vorbereitetes Sanierungskonzept war am Ende gescheitert, die Überschuldung des Pfrontener Unternehmens rucht mehr aufzuhalten Mit der Deckel Maho AG ist ein Unternehmen an den Rand des Ruins geraten, dessen Doppelname für zwei der traditionsreichsten und bis vor wenigen Jahren erfolgreichsten Adressen des deutschen Maschinenbaus steht. Seine Universalfräs- und -bohrmaschmen stehen in nahezu allen bedeutenden Unternehmen der metallverarbeitenden Industrie Der Niedergang der Firma hat Symbolcharakter – für Fehlentwicklungen im Mittelstand, der für die deutsche Volkswirtschaft nach wie vor lebenswichtig ist, ebenso wie für eine Branche, die für die gesamte Industrie eine Schlüsselfunktion hat. Eifersüchteleien, Streit unter Eigentümern, gravierende Managementfehler, Größenwahn und zu laxe Kontrolle durch den Aufsichtsrat haben die Werkzeugproduzenten an den Rand des Rums getrieben. Dazu kam der dramatische Einbruch der Branche, in der sich die Deutschen trotz der japanischen Aufholjagd bislang immer noch weltweit als ebenbürtig fühlen durften. Obwohl der Werkzeugmaschinenbau nur mit weniger als einem Prozent zum Bruttosozialprodukt beiträgt, gehen von dieser Industrie entscheidende Impulse auf die Produktionstechnologie bedeutender Branchen wie der Automobil- oder der Elektroindustne aus. Die weltweite Rezession und der plötzliche Ausfall der Märkte in der ehemaligen Sowjetunion und anderen Ostblockstaaten ließen die Produktion von 1991 bis 1993 um rund vierzig Prozent wegsacken. Beschäftigten die rund 350 – meist mittelständischen – Firmen des deutschen Werkzeugmaschinenbaus Ende 1990 m den alten Bundesländern noch 103 000 Mitarbeiter, so waren es drei Jahre später im wiedervereinigten Deutschland nur noch 72 500. Das Produktionsvolumen ist von siebzehn Milliarden Mark im Jahr 1991 auf zuletzt nur noch zehn Milliarden abgestürzt, ein Rückgang um knapp 42 Prozent. Auf der am vergangenen Dienstag eröffneten Düsseldorfer Maschinenbaumesse metav füllten die Aussteller der Branche gerade noch fünf Hallen. Vor zwei Jahren waren es doppelt so viele gewesen.
Konnte Deckels bayerischer Widersacher Maho in Pfronten zunächst von den Rückschlägen der Münchner profitieren, so wurde er wemge Jahre a später selber das Opfer verhängnisvoller Fehlein f- Schätzungen. In völliger Verkennung der künfti J? gen Nachfrage stampfte derjrom Aufsichtsrat (wifi ter dem Vorsah von Rolf Breuer, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank) zu lasch kontrollierte Ex-Mehrheitsaktionär Werner Babel 1990 für stolze 160 Millionen Mark in Kempten im Allgäu eine in der Endausbaustufe auf 1,5 Milliarden Mark Umsatz ausgelegte Fabrik aus dem Boden Das völlig überdimensionierte Werk belastet die Produktion mit exorbitant hohen Kapitalkosten. Schon im Geschäftsjahr 1990/91 rutschte das Unternehmen in die roten Zahlen und wies ein Jahr später bei einem Umsatz von nur noch 442 Millionen Mark (minus 33 Prozent) einen katastrophalen Verlust von 157 Millionen aus.
Sowohl Maho als auch Deckel mußten erstmalig 1992 durch eine überwiegend von den Banken finanzierte Kapitalsanierung wieder flottgemacht werden.
Absturz hausgemacht
Je schlechter es beiden Firmen ging, desto stärker bestimmten die Kreditgläubiger fortan das Krisenmanagement. Bei Maho drängte die Deutsche Bank, die die Gesellschaft 1986 an die Börse geführt hatte, 1992 den expansiven Vorstandschef Babel in den Aufsichtsrat ab und holte mit dem Bankmanager Bodo Vits einen harten Sanierer ins Haus. Bei Deckel, deren Gründerfamilie ihre Mehrheit 1991 an den Baggerunternehmer Walter Eder verkauft hatte, übernahm diesen Part die Bayerische Vereinsbank Beide Geldhäuser kamen Anfang vorigen Jahres zu dem Schluß, daß nur eine Fusion noch das Schlimmste verhindern könne. Diese Idee war nicht eben neu. Schon vor einem Jahrzent hatten externe Freunde wie der Daimler-Manager Werner Niefer die Eignerfamilien zum Zusammenschluß zu bewegen versucht. Doch die Intimfeinde Babel und Michael Deckel, letzter Familiensproß an der Firmenspitze, konnten nach Jahrzehnten heftiger Rivalität um dieselben Kunden nicht über ihren Schatten springen. Erst die Banken erzwangen – möglicherweise schon zu spät – den Zusammenschluß als Notfusion. Mit einem Forderungsverzicht von hundert Millionen Mark sorgten sie überdies für die nötige Starthilfe, nachdem sie beiden Unternehmen zuvor bereits je zwanzig Millionen erlassen hatten.
Zu den Fehlern vergangener Jahre gesellte sich jetzt auch noch Pech. Anfechtungsklagen von Kleinaktionären nach beiden Hauptversammlungen hatten zur Folge, daß der Fusionsbeschluß nicht unmittelbar nach der vierwöchigen Einspruchsfrist wirksam wurde, sondern erst Ende vergangenen Jahres ms Handelsregister eingetragen werden konnte. Gewohnt, sich eifersüchtig zu belauern, kochten die Vorstände von Deckel und Maho in der Zwischenzeit weiterhin ihr eigenes Süppchen. Uber die Zusammenlegung von Standorten, wichtigster Teil des Fusionskonzeptes, entbrannte unter den bisherigen Konkurrenten ein heftiger Streit. Statt die Produktion von den beiden teuren Münchner Deckel- Standorten in das nur halb ausgelastete Kemptener Maho-Werk zu verlagern und damit den weitaus größten Kostenspareffekt der Fusion zu realisieren, verbissen sich die bisherigen Konkurrenten in ein fruchtloses Feilschen Oberaufseher Breuer, in semer Bank und durch andere Mandatspflichten zeitlich stark in Anspruch genommen, versäumte es, für eine zügige Umsetzung des mit der Fusion beabsichtigten Umstrukturierungskonzeptes zu sorgen. Zu allem Unglück mißriet ihm auch noch seine Spitzenbesetzung für den neuen Firmenverbund. Noch bevor er sein Amt als Vorstandschef des Fusionsunternehmens antreten konnte, trat Maho-Manager Vits nach internen Querelen Anfang dieses Jahres auf Druck der Banken zurück Spätestens zu diesem Zeitpunkt war die Chance vertan, durch einen Motivationsschub das ins Hintertreffen geratene Tandem auf den Erfolgsweg zurückzuführen. Weder Mitarbeiter noch Kunden spürten etwas von einem letzten großen Auf- bruch. Vor allem die durch den scheinbar unaufhaltsamen Niedergang der beiden Hersteller arg irritierten Abnehmer warteten vergeblich auf ermutigende Zeichen, etwa durch außergewöhnliche Vertriebsaktivitäten. „Wenn zwei Schwache zusammenkommen und nichts passiert, eskaliert die Abwärtsbewegung", kommentiert ein Konkurreit den verpatzten Start der Deckel Maho AG Schnell zeigte sich denn auch, daß die von der Fusion erhoffte Belebung des Geschäfts ausblieb Den für das erste Jahr erwarteten Umsatz von 470 Millionen Mark mußte der Vorstand zunächst auf 390, später sogar -auf 340 Millionen korrigieren. Um von den überquellenden Lagerbeständen herunterzukommen, schleuderte Deckel Maho mit Preisnachlässen von 25 Prozent und mehr Spätestens Anfang des Jahres war allen Eingeweihten klar, daß das Sorgenkind des deutschen Werkzeugmaschinenbaus ohne erneute Nothilfe kaum am Leben zu halten sei. Um eine Pleite abzuwenden, erklärten sich die Banken zu einem neuerlichen Forderungsverzicht von 152 Millionen Mark bereit. Noch vor einem abermaligen Kapitalschnitt war die staatliche Bayerische Landesanstalt für Aufbaufinanzierung zu einer Eigenkapitalzufuhr von 30 Millionen Mark bereit gewesen, womit sie mit 20,5 Prozent größter Einzelaktionär geworden wäre. Weitere 45 Millionen Mark erhofften sich die Sanierer vom Kölner Pensiors-Sicherungs-Verein, der in Insolvenzfällen für cie betrieblichen Rentenansprüche der Belegschaft geradesteht (siehe Kasten). Doch verweigerte sich der Verein mit dem Argument, „kein Sanierungsfonds" zu sein, „an den der Arbeitgeber im eifienen wirtschaftlichen Interesse Ansprüche richten könne". Vereinsvorstand Jürgen Paulsdoiff „Dann könnten wir morgen gleich die halbe betriebliche Altersversorgung in Deutschland übernehmen." Ihre Prinzipientreue kann die Kölner im Fall Deckel Maho jedoch teuer zu stehen kommen: Bei einem Vergleich müssen sie für Renten und Rentenansprüche nahezu doppelt soviel zahlen.
Das nach dem Nein der Pensions- Versicherer unausweichlich gewordene gerichtliche Vergleichsverfahren gibt dem in Liquiditätsnot geratenen Havaristen jetzt die Möglichkeit, auf einen Schlag einen großen Teil seiner Schulden, vor allem der 300 Millionen Mark Bankverbindlichkeiten loszuwerden. Ob er mit weniger Ballast wieder flott wird, ist jedoch zweifelhaft. Die für einen Serienhersteller von Standardmaschinen gültige kritische Größe hat das Unternehmen nach den schweren Schlagen der letzten Jahre weit unterschritten. Die Verkaufserlöse 1993/94 werden nicht einmal fünfzig Prozent des Umsatzes erreichen, den Maho vor vier Jahren allein erzielte Demgegenüber sind die gefährlichsten Herausforderer der Deutschen, die führenden japanischen Konkurrenten, trotz ebenfalls drastischer Markteinbußen Umsatzmilliardär Noch ein weiteres Handikap dürfte Deckel Maho, sollte es in irgendeiner Form überleben, zumindest nicht kurzfristig überwinden können: In den Vereinigten Staaten und auf dem expansiven Asienmarkt ist das Unternehmen vergleichsweise schwach vertreten. Ein wichtiger Grund: Die Maschinenbedienung setzt eine europäische Facharbeiterqualinkation voraus, die die meist einfacher konstruierten Anlagen aus Übersee in vielen Fällen nicht verlangen. Volumenhersteller, darüber besteht in der Branche kein Zweifel, werden sich künftig jedoch nur als global player behaupten können Dazu müßte der Patient aber erst einmal die kritische Phase auf der Intensivstation überstanden haben. Schon am Dienstag verhandelten die vierzehn Poolbanken über die Gewährung emes sogenannten Massekredits, der die Zahlungsfähigkeit während des Vergleichsverfahrens sicherstellen soll. Eine Zusage von zwanzig Millionen Mark gilt als sicher. Doch selbst wenn es zu einem Anschlußkonkurs käme, könnte eine Auffanggesellschaft den von sämtlichen Altlasten befreiten lebensfähigen Kern des Unternehmens weiterführen. Wunschkandidat wäre dabei sicherlich der Bielefelder Drehmaschinenhersteller Gildemeister, mit dem die Bayern bereits eine gemeinsame Vertriebsgesellschaft unterhalten. Finanzchef Mund: „Eine Gelegenheit wie Deckel Maho gibt es alle zehn Jahre nur einmal."
DIE ZEIT, 1994
Deutscher Bundestag: Drucksache 13/1660 vom 14.06.1995 (Auszug)
Unterrichtung
durch die Bundesregierung
Bericht des Bundeskartellamtes über seine Tätigkeit in den Jahren
1993/94 sowie über die Lage und Entwicklung auf seinem Aufgabengebiet
1. Werkzeugmaschinen
Der Werkzeugmaschinenbau war im Berichtszeitraum von einer tiefen
Rezession mit drastischen Umsatzrückgängen betroffen. Der dadurch
ausgelöste Kapazitäts- und Personalabbau und der Trend zur
Kostensenkung durch Verringerung der Fertigungstiefe und Typenvielfalt
ging einher mit mehreren Unternehmensfusionen und -kooperationen.
Dieser traditionell mittelständische Wirtschaftsbereich gerät zunehmend
unter den Einfluß von Banken und Großunternehmen.
Der erste größere Zusammenschluß, zu dem es vor diesem Hintergrund kam,
war die Verschmelzung der Deckel AG, München, mit der Maho AG,
Pfronten, auf die Deckel Maho AG, deren Mehrheit von einem
Bankenkonsortium gehalten wird. Beide Unternehmen gehörten zu den
führenden Herstellern von spanabhebenden Werkzeugmaschinen und waren
auf Fräs- und Bohrmaschinen sowie auf Bearbeitungszentren
spezialisiert. Der wirtschaftlich bedeutendste der betroffenen
Werkzeugmaschinenmärkte war der für automatisierte Fräs- und
Bohrmaschinen, auf dem Deckel/Maho überwiegend automatisierte
Universal-Fräs- und Bohrmaschinen anbietet. Auf diesem Markt, der
zunehmendem Substitutionswettbewerb durch Vertikal-Bearbeitungszentren
ausgesetzt ist,ist Deckel/Maho mit einem Anteil von 24 % Marktführer,
ohne jedoch über eine überragende Marktstellung zu verfügen. Auf dem
Markt der konventionellen Universal-Fräs- und Bohrmaschinen hat
Deckel/Maho gegenwärtig einen Anteil von etwa 40 %. Dieser Markt weist
ein nur geringes Innovationspotential, zunehmenden Preiswettbewerb
südostasiatischer sowie osteuropäischer Anbieter und weitere
Marktzutritte von Anbietern aus Niedriglohnländern auf. Das läßt
wesentliche Marktanteilsverluste bei Deckel/Maho erwarten und steht
einer überragenden Stellung entgegen. Auf dem Markt der komplexen Fräs-
und Bohr-Bearbeitungszentren erreicht Deckel/Maho mit einem
wettbewerblich unkritischen Marktanteil von etwa 12 % nur die vierte
Position. Nach alledem war das Zusammenschlußvorhaben nicht zu
untersagen.
DER SPIEGEL 15/1987 vom 06.04.1987, Seite 98-110a
Autor: Lutz Spenneberg
Ein Seelchen, aber extrem flexibel
SPIEGEL-Redakteur Lutz Spenneberg über die Erfolge der deutschen Werkzeugmaschinenbauer *
Es
kreischt. Schrill schrappt Metall über Metall. Das singende Sägen
schmerzt in den Ohren. Rote Lichter flackern, da läuft was schief, ganz
eindeutig.
Ludwig
Steiner bleibt gelassen. Ruhe bewahren, erst mal abstellen. Steiner
drückt einige Knöpfe einer verwirrenden Tastatur. Der Singsang verebbt
in einem dumpfen Klopfen. "Das Ding spielt wieder mal verrückt",
murmelt Steiner.
Er
spricht von einer Werkzeugmaschine, hell-oliv gestrichen und doppelt
mannshoch. Steiner ist bei der Maho AG in Pfronten für drei dieser
Ungetüme verantwortlich. Zwei der hochkomplizierten Automaten laufen
ruhig, bohren, fräsen, was Steiner einprogrammiert hat. Die Lichter
leuchten grün, so soll es sein.
Der
dritte aber streikt, und Steiner ist erst mal ratlos. Das sensible
Gerät ist dem zu bearbeitenden Werkstück mit dem falschen Bohrer zu
Leibe gerückt. Daher das schreckliche Geräusch. Offensichtlich
blockiert der Werkzeugaustausch. Warum? "Es ist die Software" sagt
Steiner fachmännisch wobei er den amerikanischen Begriff sauber
ausspricht.
Leider
ist es meistens die Software, nicht die Mechanik. Die mechanischen
Teile einer Werkzeugmaschine haben die Leute von Maho bestens im Griff,
sie bauen schließlich seit Jahrzehnten Werkzeugmaschinen. Die Software
ist die elektronische Seele des computergesteuerten Automaten. Und
Seelenschäden sind nun mal langwierig, das ist wie beim Psychiater, da
dauert es auch länger.
Steiner
hat mal als Schlosser angefangen, sich dann zum Programmierer
hochgearbeitet. Nun ist er weder das eine noch das andere, sondern
Kindermädchen für das teuerste Fertigungssystem bei Maho: Zwölfeinhalb
Millionen Mark hat die Anlage gekostet. Über zwanzig verschiedene Teile
für Maho-Bohr- und -Fräsautomaten kann sie bearbeiten. Sie benutzt dazu
einige Dutzend Werkzeuge, die sie eigentlich selbständig wechseln
sollte. Extrem flexibel ist die Maschine, aber auch so ein Seelchen.
Es
gibt viele Pannen, und die Maschine hat erst drei Viertel ihres von den
Ingenieuren vorgegebenen Könnens erreicht. Man sehe mit jeder Stunde
Stillstand die "Tausender drin verschwinden", meint Georg Werntze, der
Techniker im Maho-Vorstand. Eine längere Pause kostet mehr, als Steiner
im ganzen Jahr verdient.
Wenn
Steiners Werkzeugmaschine läuft, dann liefert sie Teile für neue
Werkzeugmaschinen, die Produkte der Firma Maho. Werkzeugmaschinen
produzieren kein Werkzeug, sie sind maschinell betriebenes Werkzeug,
mit dem alles hergestellt wird, was aus Metall ist: Brillengestelle
oder Schiffsdiesel, Flugzeuge oder Kugelschreiber. Und eben
Werkzeugmaschinen.
Die
Firmen, die in der Bundesrepublik solche Maschinen montieren, tragen
keine glanzvollen Namen. Kein Unternehmen mit weltweiter Strahlkraft,
kein Bayer, kein Daimler-Benz oder Siemens verleiht der Branche
Ansehen. Nur wenige Deutsche wären bei einer Meinungsumfrage in der
Lage, einen Werkzeugmaschinenhersteller zu benennen. Doch dieser
Wirtschaftszweig der _(Bei der Firma Traub. ) --- S.100
Namenlosen
ist eine Branche der ganz und gar Erfolgreichen. Nur auf wenigen
Gebieten, im Automobilbau etwa oder in der Chemie, genießen deutsche
Hersteller einen solchen Ruf wie im Werkzeugmaschinenbau.
In Spezialbereichen sind deutsche Unternehmen nahezu konkurrenzlos. Die Hersteller in den
Es
sind Könner wie Steiner oder der Ingenieur Werntze, Fachleute mit
vielen Jahren Erfahrung, die den deutschen Werkzeugmaschinenbau wieder
ganz weit nach vorn gebracht haben. Ende der siebziger Jahre sah es mal
gar nicht so gut aus. Da hätten die bundesdeutschen Hersteller die
Computer beinahe verpennt. Jetzt läuft das Geschäft wieder, besser denn
je.
Und
die Japaner? Die könnten sämtliche Pläne klauen, sagt Ingenieur
Werntze, dennoch blieben die Maho-Maschinen besser als die Plagiate.
Denn: "Wir haben die bessere Mannschaft."
Geld
und gute Einfälle sind eben nicht alles, meint Maho-Chef Werner Babel,
"Menschen bauen die Maschinen". Am besten eignen sich Schwaben mit
Tradition in Metallberufen, das lehrt nun mal die Erfahrung.
Bei
der Firma Traub in Reichenbach, führender Hersteller von Drehautomaten,
hat man es eine Zeitlang mit Friesen versucht. Das ging ziemlich
daneben. Die Gastarbeiter aus dem Norden waren ja keine schlechten
Dreher, aber an Trollinger und Spätzle waren sie nicht zu gewöhnen.
Jedes Wochenende düsten sie zurück nach Leer und Aurich, heim zur
Familie und zu Pils und Korn. Am Montag früh standen sie mit kleinen,
roten Augen und steifem Rücken vom Autofahren an ihrem Arbeitsplatz.
"Türken passen sich besser an", findet Traub-Chef Karl-Heinz Steeb.
Ein
gutes Ohr, das ist wichtig in einer Werkzeugmaschinenfabrik. Die
schiefen Töne zeigen beim Drehen Fehlfunktionen an, vom Werkstück sieht
man meistens ohnehin nicht viel, weil es völlig von Kühlflüssigkeit
eingenebelt wird.
Es
braucht Jahre, bis man das richtige Gefühl fürs Material entwickelt. Es
braucht den Hang zum Tüfteln und die Neigung zur Perfektion. So was
lehrt keine Schule, das ist das Milieu im Schwabenland, wo an fast
jeder Ecke eine Maschinenfabrik steht, wie anders wo die Eckkneipe.
Manch
einer dreht und fräst schon in der dritten und vierten Generation und
hat noch seinem Opa bei der Heimarbeit geholfen. Das ist wie beim
Fußballspielen: Wer nicht von klein auf im Hinterhof gekickt hat,
schafft es nie bis zur Bundesliga.
Es
ist erst drei, vier Jahrzehnte her, da waren nicht die Deutschen,
sondern die Amerikaner die Größten im Werkzeugmaschinenbau. --- S.101
Jetzt
sind es, den Stück zahlen nach, zwar die Japaner. Die präzisesten und
zuverlässigsten Werkzeugmaschinen kommen aber, das sagen nicht nur die
Deutschen, aus der Bundesrepublik.
Die
Amerikaner haben als erste Werkzeugmaschinen mit Computern kombiniert.
Das war eine Revolution, der erste Schritt zum Roboter. Aber da blieben
die Amerikaner denn auch stehen, es fehlten ihnen die Leute, um die
Idee in handhabbare Werkzeug-Automaten umzusetzen. Als der schnelle
Gewinn ausblieb, machten viele Werkzeugmaschinenhersteller in den
Jetzt ist der Faden gerissen, es ist schwer, ihn wieder zusammenzuknüpfen. Heute werden die fixen Jungs in den
In
der Bundesrepublik ist das mit dem Feuern und Heuern nicht so einfach
wie in Amerika. Hier gibt es den Kündigungsschutz, wer einmal
eingestellt ist, den wird man auch so schnell nicht wieder los.
Gottlob, findet
Andere
Hersteller holen ähnlich schöne Bilanzen aus dem Computer.
Konjunktursorgen plagen die meisten nicht, sie haben Lieferzeiten wie
Daimler-Benz und länger. Traub-Chef Steeb mußte seine Drehautomaten für
den Export rationieren, mehr ist einfach nicht zu schaffen.
Geboten
werden Maschinen für alle Bedürfnisse des industriellen Alltags. Bei
der Trumpf GmbH in Ditzingen sind es Maschinen, die, wie der Chef
Berthold Leibinger immer bescheiden sagt, "Löcher in Bleche machen".
Aber wie sie das machen, das ist es.
Trumpf-Automaten
löchern Bleche im Alleingang mit Plasmaschneidern bei 40000 Grad
Celsius oder mit modernster Laser-Technik, die Leibingers Leute hierfür
eigens entwickelt haben. Die so zugeschnittenen Bleche können dann auch
noch in einer vollautomatischen --- S.104
Biegezelle
in einem Arbeitsgang zu Vergasergehäusen gebogen werden, ohne daß da
überhaupt noch ein Mensch Hand anlegt. Die Autozulieferer in aller Welt
sind ganz scharf auf diese Helfer.
Einfach
eine Maschine zu verkaufen, damit ist es nicht getan. Die Betreuung ist
genauso wichtig. Werkzeugmaschinen stehen schließlich nicht nur in den
Großbetrieben der Autoindustrie, die eigene Reparaturkolonnen
losschicken können, wenn irgendwo die roten Lichter flackern. Sie
arbeiten auch in den zigtausend kleinen Zulieferfirmen mit ein oder
zwei Dutzend Beschäftigten. Da kann die Existenz vom rechtzeitigen
Erscheinen eines Monteurs abhängen.
Alle
Lieferanten profitieren von dem Ruf, den deutsche Unternehmen draußen
wegen ihres hervorragenden Service genießen. Steht eine Maschine mal
still, dann sind der Monteur und das Ersatzteil häufig schneller da als
bei vielen Konkurrenten aus anderen Ländern.
Etwas
Besonderes haben sich die Manager von Traub für die Kunden in Übersee
ausgedacht. Sie nennen es Teleservice: Läuft eine Traub-Maschine in
Lateinamerika oder Australien nicht mehr ganz rund, stellt der
Kundendienst in Reichenbach eine direkte Leitung über Satellit her. Per
Ferndiagnose analysiert der Service-Computer in der Traub-Zentrale das
Problem und liefert Ratschläge für die Fehlerbeseitigung.
Früher
mußte sich ein Monteur ins Flugzeug setzen, es dauerte Tage, bis der
Fehler behoben war. Heute geht es in Stunden oder Minuten. Ihren
Teleservice wollen die Traub-Leute weiter ausbauen. Speichert man zum
Beispiel die Daten sämtlicher Maschinen, auch ihre Macken und
Fehlfunktionen, ergibt sich schnell ein ziemlich genaues Bild von den
Schwachstellen einer Maschinen-Baureihe. Die Konstrukteure können
Kinderkrankheiten dann leichter vermeiden. Vielleicht läßt sich sogar
einmal voraussagen, wann bestimmte Bauteile ausfallen werden. Wenn man
sie rechtzeitig austauscht, läuft die Produktion beim Kunden
reibungsloser als bisher.
Zum
Service gehört auch das Training für die Bedienungsmannschaft des
Kunden. _(Mit einem Laser-geschnittenen Werkstück. ) --- S.107
Bevor
die Maschinisten an einem Computer-Terminal Platz nehmen, müssen sie
erst mal bei Maho, Trumpf oder Traub auf die Schulbank. Einige tausend
lernen da jährlich, was man für den Dialog mit dem Computer braucht.
Die
Japaner, unerbittliche Konkurrenten der bundesdeutschen Hersteller,
machen sich diese Mühe nicht. Sie wollen verkaufen und nicht noch lang
betreuen. Dafür sind sie auch manchmal um ein Drittel billiger und
liefern schnell, binnen einer Woche, das ist keine Seltenheit. Schwupp,
Kabel in die Steckdose, und schon läuft der Automat.
Aber
das funktioniert nur bei der Standardware, da sind Japaner, Taiwanesen
und Koreaner nicht zu schlagen. Bei den komplizierten
Fertigungssystemen, die überlegt in die Produktionsabläufe der
Kundschaft einzupassen sind, werden die Deutschen gebeten.
Die
Deckel AG in München, mit fast einer halben Milliarde Mark Umsatz
größter Hersteller im Lande, ist in dieser Feinarbeit besonders stark.
Seine Firma sei auch "exotischen Wünschen" der verehrten Kundschaft
gewachsen, versichert Deckel-Chef Leif Lundkvist.
Doch
so exotisch sind die Wünsche gar nicht. Eigentlich wollen alle immer
nur dies: ihre Produktivität steigern und die Kosten senken, die
Produkte also mit weniger menschlicher Arbeitskraft fertigen und
zugleich auch noch bessere Qualität liefern.
Die
neuen Maschinen sollen vielseitig sein und selbständig arbeiten, Tag
und Nacht, wenn es eben geht, und ohne daß sich jemand drum kümmern
muß.
Die
Woche hat 168 Stunden, Metaller aber brauchen laut Tarifvertrag nicht
mal mehr ein Viertel dieser Zeit zu arbeiten. Gelingt es, eine
Werkzeugmaschine nach dem Acht-Stunden-Tag noch für einige Zeit
unbeaufsichtigt weiterproduzieren zu lassen, dann steigt die
Produktivität enorm. Bei 20 Wochenstunden zusätzlich macht das 50
Prozent mehr Produktivität. Und so was ist heute leicht machbar,
vorausgesetzt, die richtigen Maschinen stehen in der Werkhalle.
Beim
Traktoren-Hersteller Klöckner-Humboldt-Deutz in Köln macht zum Beispiel
ein Traub-Drehautomat Nachtschicht. "Mannlos" produziert die Maschine
jede Nacht 150 Achsschenkel. Die Frühschicht braucht die Fertigprodukte
nur noch wegzufahren.
Je
kürzer die Arbeitszeiten, desto größer der Druck in den Unternehmen,
menschliche durch maschinelle Arbeitskraft zu ersetzen. Die
Werkzeugmaschinenhersteller zeigen deshalb mehr Verständnis als andere
Unternehmer, wenn die IG Metall die 35-Stunden-Woche fordert.
"Arbeitszeitverkürzung ist unser Geschäft", sagt Traub-Chef Steeb.
Da
ist noch einiges zu holen. Bisher, so schätzen Experten, werden
vielleicht sechs Prozent aller Werkzeugmaschinen in der Bundesrepublik
durch Computer gesteuert. Etwa 200 Milliarden Mark dürfte es kosten,
den gesamten deutschen Maschinenpark auf neuzeitlichen Standard
umzurüsten.
Wer
macht dieses Geschäft? Daß es allein die Werkzeugmaschinenhersteller
sind, ist gar nicht so sicher. Die elektronischen Steuerungen werden
immer wichtiger, die Maschinerie könnte bald nur noch Anhängsel sein.
In der Steuerungstechnik mischen die Großkonzerne mit, Unternehmen wie
Siemens, --- S.110
Grundig, Philips und Bosch, aber auch Japaner wie Fanuc.
Über
kurz oder lang müssen sich die mittelständischen
Werkzeugmaschinenfirmen ihre eigene Software zulegen, wenn sie nicht
ganz von den Computerherstellern abhängig werden wollen.
Im
November vergangenen Jahres hat Deckel darum die Software-Firma RWT in
Krailling bei München übernommen. Traub programmiert seine Maschinen
schon seit Jahren selber.
In
ihrer Sonderstellung als Anbieter von ausgetüftelten Fertigungssystemen
fühlen sich die meisten deutschen Hersteller inzwischen so sicher, daß
sie selbst auf die bösen Drohungen aus Amerika gelassen reagieren.
Seit
langem bedrängen Amerikas Werkzeugmaschinenbauer Präsident Ronald
Reagan, ihnen Schutz zu gewähren. Aus Gründen der "nationalen
Sicherheit", so ihr Antrag, müsse die Regierung die Ausländer vom
US-Markt fernhalten.
Werkzeugmaschinen
sind unerläßlich für die Rüstung. Im Ernstfall, so argumentiert die
Industrie, dürfe die westliche Führungsmacht nicht von
Werkzeugmaschinenlieferungen aus Übersee abhängig sein. Der Gegner
könnte die Handelswege leicht blockieren. Das alles ist natürlich
nichts weiter als ein plumper Vorwand. Mit dem gleichen Argument
könnten Unternehmer vielerlei Industrieerzeugnisse - vom Lkw bis zum
Schuhwerk - abblocken.
Dann
schrieb Handelsminister Malcolm Baldrige seinem Bonner Kollegen Martin
Bangemann einen deutlichen Brief. Der Präsident werde "einseitige
Maßnahmen" ergreifen, heißt es in dem Schreiben, wenn die deutsche
Werkzeugmaschinenindustrie sich in den
Bei
den deutschen Herstellern machte das wenig Eindruck. Zum einen bremsen
der schwache Dollar und entsprechend hohe Preise für Deutsches den
Export in die
Zum
anderen bringt das US-Geschäft bei den meisten Unternehmen nur zwischen
fünf und zehn Prozent des gesamten Umsatzes. Den aber werden sie in
jedem Fall halten. Denn auf deutsche Präzisionsmaschinen sind die
Amerikaner angewiesen, gerade aus Gründen ihrer nationalen Sicherheit.
"Wo sollen sie die Anlagen sonst kaufen?" fragt Traub-Chef Steeb.
Es
wird noch etwas dauern, bis die Amerikaner von Importen unabhängig
werden. Die US-Regierung hat erst jetzt begonnen, die Ausbildung von
Facharbeitern zu fördern. Sie sollen, nach deutschem Vorbild, künftig
eine Lehre durchlaufen. Bisher kennen die Amerikaner so etwas wie eine
betriebliche Ausbildung nicht. Bis die amerikanischen Facharbeiter das
Niveau ihrer deutschen Kollegen erreichen, werden Jahre, eher sogar
Jahrzehnte vergehen.
So
lange will einer der amerikanischen Hersteller nicht warten. Die
Ex-Cell-O Corporation, eine der führenden Werkzeugmaschinenfirmen, hat
deshalb kürzlich den Standort von den
Leif G. Lundkvist (53) zeigt guten Willen. "Wir haben eine Menge wiedergutzumachen", kommentiert der Vorstandschef der Friedrich Deckel AG kleinlaut das katastrophale Abschneiden des Münchner Maschinenbauunternehmens. In einer Phase, in der es in der Branche boomt, macht ausgerechnet der zeitweise größte deutsche Werkzeugmaschinenbauer durch Marktanteilsverluste, Umsatzeinbußen und tiefrote Zahlen von sich reden.
Ob Lundkvist noch lange Gelegenheit zur Wiedergutmachung haben wird, ist gegenwärtig allerdings sehr fraglich. Denn KHD-Sanierer Karl-Josef ("Kajo") Neukirchen (47), der nach dem Willen der Großaktionärsfamilie Deckel in diesen Tagen vom Amtsgericht zum Aufsichtsratsmitglied bestellt werden wird und als Nachfolger des Hamburger Unternehmensberaters Manfred Emcke (56) den Vorsitz des Kontrollgremiums übernehmen soll, hat sich bei der Besetzung des Vorstands ausdrücklich freie Hand ausbedungen.
Und wer den kompromißlosen Kölner Krisenmanager kennt, weiß: Das ist keine Leerformel. Die Suche --- S.68
nach einem neuen Vorstandsvorsitzenden läuft bereits.
Mit dem angepeilten Doppelrevirement an der Deckel-Spitze reagiert die Eignerfamilie, die noch 50 Prozent plus eine Aktie des stimmberechtigten Kapitals von 60 Millionen Mark hält, nicht nur auf die schlechte Performance. Gleichzeitig will sie damit zum Ausdruck bringen, daß sie das Vertrauen in die Fähigkeit des bisherigen Spitzenduos Emcke/Lundkvist, das Blatt schnell zu wenden, verloren hat.
So verständlich diese Reaktion auch ist, ein gerüttelt Maß Schuld an dem Einbruch, dessen Ursachen zum Teil weit zurückliegen und der nicht der erste ist, haben die Nachfahren des Firmengründers Friedrich Deckel selbst. Untereinander zeitweise zerstritten und gutem Rat schwer zugänglich, ließ die Familie ihre Topmanager oft ganz nach Gusto schalten und walten und meldete sich meist erst zu Wort, wenn das Malheur bereits passiert war.
Der Kardinalfehler der von den Eignern und den von ihnen bestellten, teilweise hochkarätigen Aufsichtsräten ungenügend kontrollierten Manager: Statt sich vorrangig um die Bedürfnisse der überwiegend mittelständischen Klientel zu kümmern, verplemperten sie die Ressourcen mit ambitiösen, auf Großkunden zielenden Prestigeprojekten und zogen sich damit im Stammgeschäft selbst die Konkurrenz heran. Mangelnde Preis- und Kostendisziplin tat ein übriges.
Brot-und-Butter-Produkte des 1972 in eine Aktiengesellschaft umgewandelten Unternehmens waren in Großserie hergestellte Universal-Fräs- und -Bohrmaschinen. Deckels FP-Baureihen (von Fräsmaschinen für Patrizen) gehörten in der metallverarbeitenden Industrie zur betrieblichen Grundausstattung. Sie waren so begehrt, daß die Münchner sie bis in die 70er Jahre hinein zuteilen konnten.
Doch der damalige Vorstandsvorsitzende Hans Kuhnert, der 1973 Hans Deckel, den langjährigen geschäftsführenden Gesellschafter, an der Spitze des Unternehmens abgelöst hatte, nutzte die Bonanza schlecht. Stark beeinflußt von dem renommierten Werkzeugmaschinen-Experten Professor Herwart Opitz, der für den Aufsichtsratsvorsitz gewonnen worden war, kaprizierte sich Kuhnert auf die Entwicklung hochautomatisierter Bearbeitungszentren und vernachlässigte darüber das Stammprodukt. _____" Die Konkurrenz groß gemacht "
Das Resultat: Bei der anvisierten Großkundschaft, die Deckel die Kompetenz für solch komplexe Produktionsanlagen absprach, fanden Kuhnerts Kreationen wenig Akzeptanz. Vertreter von Klein- und Mittelbetrieben, die 1975 Deckel auf der Werkzeugmaschinen-Messe Emo in Paris besuchten, rieben sich verwundert die Augen, was ihr Hausund-Hof-Lieferant da präsentierte.
Doch die traditionelle Deckel-Kundschaft hatte inzwischen eine Alternative: die Maho Werkzeugmaschinenbau Babel & Co. in Pfronten. Die Allgäuer hatten als verlängerte Werkbank von Deckel einst Knowhow im Fräs- und Bohrmaschinenbau gesammelt, und der rührige, Maho-Inhaber Werner Babel (53) nutzte die Arroganz des Münchner Quasi-Monopolisten weidlich zu eigenen Gunsten.
Maho konstruierte parallel zu gängigen FP-Baureihen fast funktionsgleiche MH-Typen und brachte diese Me-too-Produkte zu günstigeren Preisen in schnellwachsenden Stückzahlen bei der maschinenhungrigen Deckel-Klientel unter.
Obwohl sich die Münchner nach dem Tod von Kuhnert wieder auf ihre alten Stärken besannen, war Maho - 1970 mit 21 Millionen Mark Umsatz im Vergleich zu Deckel (damals 130 Millionen Mark) noch ein Zwerg - zehn Jahre später mit 200 Millionen Mark Umsatz (Deckel: 230 Millionen Mark) den Münchnern schon dicht auf den Fersen.
Die Nachfolge von Kuhnert hatte im Oktober 1975 Michael Deckel (48) übernommen, graduierter Ingenieur, --- S.70
Neffe des 1973 verstorbenen Seniorchefs und bis zu dieser Zeit im Aufsichtsrat. Ein Jahr später löste der als Troubleshooter gerühmte Hamburger Unternehmensberater Emcke den Werkzeugmaschinen-Papst Opitz im Aufsichtsratsvorsitz ab, und gemeinsam machten sich beide mit Erfolg daran, die Erblast der "unheiligen Allianz Kuhnert/ Opitz" (Deckel) abzuarbeiten.
Ende der 70er Jahre setzte das Management zum großen Sprung an. Mit einer völlig neuen rechnergesteuerten Maschinengeneration sollte dem Trend zur NC-Technik Rechnung getragen werden. Und weil die Familie dies nicht allein finanzieren konnte, brachte sie in einem ersten Schritt via Kapitalerhöhung rund 32 Prozent des Kapitals an die Börse.
Doch der Sprung geriet zur Bruchlandung. Weil die neue Deckel-Maschinengeneration in eine unerwartete Rezession stieß und die mit Hilfe der Grundig Industrie-Elektronik entwickelten Dialogsteuerungen zu viele Kinderkrankheiten aufwiesen, brachen Umsatz und Ertrag schwer ein. Gut ein Jahr nach dem Börsengang präsentierte die Verwaltung den Aktionären einen Bilanzverlust von 16 Millionen Mark.
Die Blamage war perfekt, und die übrigen Familienmitglieder forderten Michael Deckels Kopf und riefen nach einem starken Mann. Nur die Intervention von Aufsichtsratschef Emcke, der darauf bestand, daß ein Revirement in geordneten Bahnen vonstatten zu gehen habe, bewahrte den damals 41jährigen vor dem sofortigen Rausschmiß. _____" Aus Geltungsdrang nach Amerika "
Obwohl nur noch Vorstandschef auf Abruf, gelang es Deckel und seinen Kollegen - Chefkonstrukteur Michael Geiger (53), Vertriebschef Hannes W. Politsch (57) und Finanzmann Gottfried E. Theising (58) - schon im darauffolgenden Jahr, dank inzwischen ausgereiften Maschinen und einem 40-Millionen-Mark-Iran-Auftrag die Scharte zum Teil wieder auszuwetzen.
Das Jahr 1984, in dem Michael Deckel im Mai sein Amt an den beim Stuttgarter Maschinenbauer Werner & Pfleiderer abgeworbenen Nachfolger Lundkvist abgab und in den Aufsichtsrat zurückkehrte, lief bereits wieder so gut, daß der gesamte Verlustvortrag auf einen Schlag getilgt werden konnte. Ein Jahr darauf zahlte Deckel schon wieder Dividende. Und 1986 verbuchte Lundkvist mit 560 Millionen Mark Umsatz und fast elf Millionen Mark Gewinn sogar Spitzenergebnisse.
Doch danach ging es nur noch bergab. Dem neuen Mann, der sich das Produktionsressort unterstellte, gebührt zwar zweifelsfrei das Verdienst, die Fertigungsplanung und -steuerung optimiert, die Produktivität erheblich gesteigert und Deckel damit für die Bewältigung der neuen Umsatzdimensionen fit gemacht zu haben. Vorgänger Michael Deckel anerkennend: "Da dachten wir, der kann was." Was der umtriebige Norweger mit US-Paß sonst anfaßte, ging jedoch meist daneben.
Der gelungene Start und die relativ guten Ergebnisse waren Lundkvist offenkundig zu Kopf gestiegen. Denn schon bald genügte dem polyglotten und eloquenten Manager der spröde Produktionsjob nicht mehr.
Der geltungsbedürftige Lundkvist, der sich aus bescheidenen Verhältnissen hochgearbeitet und schon US-Konzernen wie Cincinnati Millar Cron (Werkzeugmaschinen) und John Deere (Landmaschinen) gedient hatte, wollte aus dem eher biederen, primär auf dem europäischen Markt tätigen Werkzeugmaschinenbauer einen international präsenten Systemanbieter machen und steuerte deshalb konsequent das von dem Techniker Politsch besetzte Vertriebsressort an.
Weil der Umsatz in den USA seiner Ansicht nach mit zwölf Millionen Mark weit unter den Möglichkeiten lag, verdrängte er den Vertriebschef erst einmal als Chairman der Deckel Corporation Columbia/M.D. und machte sich mit Hinweis auf seine Markterfahrungen anheischig, das Volumen auf das Fünffache hochzufahren. Als Lundkvist aufgrund einer abweichenden amerikanischen Produktphilosophie und wegen des niedri --- S.72
gen Dollarkurses ebenfalls nicht vorankam, wollte er eine US-Produktionsfirma kaufen.
Doch im Aufsichtsrat kam er mit diesem riskanten Vorhaben nicht durch. "Der wollte sich ein Empire bauen", kommentiert Ex-Aufsichtsratschef Emcke heute die Episode. 1987 wurde die Deckel Corporation unter hohen Verlusten auf Eis gelegt und der Vertrieb der Deckel-Maschinen an eine US-Firma vergeben, die kaum mehr als die Hälfte des früheren Volumens schafft.
Wenig Fortune hatte Lundkvist bisher auch mit einer anderen Akquisition, dem von Lundkvist vollmundig als wichtiger Baustein für die Fabrik der Zukunft gefeierten Erwerb einer 51-Prozent-Mehrheit an der RWT GmbH (Rechnersysteme für Wissenschaft und Technik) in Krailling bei München. Mit Hilfe dieses einst führenden CIM-Spezialisten wollten Lundkvist und Chefkonstrukteur Geiger Deckel unter dem Thema "Flexible Automatisierung" als Systemanbieter für Groß-, Mittel- und Kleinbetriebe profilieren.
Doch ihr Kalkül, durch den "Technologieverbund von zwei Marktführern" die Vertriebschancen zu verbessern, ging nur in Einzelfällen auf. Der mittelständischen Klientel war das alles zu kompliziert.
Großaufträge wie die Bestellung eines flexiblen Fertigungssystems mit 13 Bearbeitungszentren, verkettet durch ein modules Linearspeichersystem von Steyr-Daimler-Puch, taten zwar dem Ego der beiden zunehmend auf den Spuren von Kuhnert und Opitz wandelnden Deckel-Manager gut, nicht aber der Bilanz. Die Zentren blieben weiter ein von den Universalmaschinen alimentiertes Zuschußgeschäft.
Der RWT selbst bekam die Anbindung an Deckel schon gar nicht. Nach Trennung von dem Firmengründer Hanns Karl Dinkels (60; siehe mm 7/1987) ging der RWT-Umsatz von einst 22 Millionen Mark sukzessive zurück, und die Verluste eskalierten.
Ein Ziel erreichte Lundkvist dennoch: die völlige Demontage von Chefverkäufer Politsch, der Mitte 1988 ausschied. Das Vertriebsressort riß er sich selbst unter den Nagel. Für die Produktion wurde mit Christoph Maluche (44) ein neuer Mann in den Vorstand berufen. _____" Breite kostete Serienvorteile "
Mit der Entmachtung und schließlich der Ablösung von Politsch, der für ein auf die traditionelle Deckel-Kundschaft ausgerichtetes Produktmarketing stand, entfiel ein wichtiges Korrektiv im Vorstand. War es dem alten Vertriebschef mit Hinweis auf Kundenwünsche zumindest partiell gelungen, den kostspieligen Tatendrang des ballverliebten Chefkonstrukteurs Geiger etwas zu bremsen, gab Vorstandschef Lundkvist anfangs als Schiedsrichter zwischen Konstruktion und Vertrieb und erst recht, als er sein eigener Chefverkäufer wurde, dem obersten Produktentwickler immer größere Freiräume.
Und Geiger machte davon weidlich Gebrauch. Jetzt ging es auch beim Universal-Werkzeugmaschinenprogramm in die vollen, mit fatalen Folgen. Hatte sich Deckel lange auf zwei in Großserie gefertigte Baureihen beschränkt, verdoppelte er das Standardangebot seit 1985 und ergänzte es noch durch viele Varianten. Da Geiger das Schwergewicht in der Entwicklung überdies auf relativ teure und komplizierte Maschinen legte, produzierte Deckel zunehmend am Markt vorbei.
Das Ergebnis von Geigers Programmbreite und Produktmix: *___Kleinere Serien erhöhten die Produktionskosten, *___eine vernünftige Fertigungs- und Absatzplanung war ____unmöglich, *___wachsende Lagerbestände banden immer mehr Kapital, und *___zugleich entstanden lange Lieferfristen, die viele ____Kunden in die Arme des Erzkonkurrenten Maho trieben.
Verschärft wurde die Absatz- und Liefersituation einmal mehr durch Probleme mit den numerischen Steuerungen. Denn das Deckel-Management setzte trotz der schlechten Erfahrungen Anfang der 80er Jahre weiter einseitig auf den Partner Grundig Industrie-Elektronik. Doch da die Fürther Industrieelektroniker, im eigenen Hause Quantite negligeable und bei der Ressourcenzuteilung im Vergleich zur Unterhaltungselektronik eher stiefmütterlich behandelt, speziell mit der Software oft hinterherhinkten, kam auch Deckel wiederholt mit der Auslieferung bereits auf Messen präsentierter Maschinen in Verzug oder mußte improvisieren.
Entweder wurde ersatzweise neue Mechanik, kombiniert mit veralteter Steuerungstechnik, angeboten, was die Typenvielfalt weiter erhöhte, oder im Rahmen des Kundendienstes teuer nachgebessert. Seit 1987 wurden für solche Zusatzleistungen jährlich jeweils rund zehn Millionen Mark ausgegeben.
Der selbsternannte Chefverkäufer Lundkvist reagierte auf die hausgemachten Absatz- und Lieferschwierigkeiten zunehmend nervös mit immer höheren Rabatten, so daß Deckel auch von der Erlösseite immer stärker unter Druck geriet.
Die sich Ende 1987 abzeichnende Verschlechterung der Situation und der Aktionismus, mit --- S.74
dem Lundkvist darauf reagierte (Emcke: "Der praktizierte Management by Escape"), beunruhigte auch den um seine Reputation bangenden Aufsichtsratschef. Als Lundkvists Vertrag Mitte 1988 zur Verlängerung anstand, votierte Emcke im Vorfeld erst dagegen und schlug schließlich alternativ das Engagement eines neuen Vertriebsvorstands für die Bearbeitungszentren mit Chefpotential vor. _____" Zweifel am Führungsduo "
Doch die Familie, die ein Jahr nach einer weiteren Kapitalerhöhung durch Ausgabe von nominell 10,3 Millionen Mark Vorzugsaktien keine Unruhe haben wollte, schlug Emckes Warnungen in den Wind und verlängerte den Lundkvist-Vertrag. Ihrer Meinung nach war vielmehr Emcke schon zu lange an Bord, eine Erkenntnis, die den Hamburger Berufsaufsichtsrat wohl schon in der Hauptversammlung im Juli 1987 mit zu der Mitteilung bewogen hat, daß er nicht mehr für eine volle Amtsperiode zur Verfügung stehen werde.
Anfang 1989, ein halbes Jahr nach der Vertragsverlängerung von Lundkvist und nach Kenntnis des 1988er Abschlusses, der nur noch eine Mini-Dividende zuließ, waren sich Emcke und Eignerfamilie in einem Punkt wieder einig.
"Der Lundkvist schafft es nicht", räumte nun auch der Münchner Rechtsanwalt Georg Wirsing (56) ein, der die Interessen von drei Töchtern Hans Deckels mit zusammen 15 Prozent Aktienbesitz vertritt.
Gleichzeitig erinnerte Wirsing den Aufsichtsratschef jedoch an seine Ankündigung, seinen Platz vorzeitig zu räumen, und schlug vor, die Suche nach einem Lundkvist-Nachfolger doch gleich einem neuen Aufsichtsratsvorsitzenden zu überlassen. Dieses Timing paßte wiederum Emcke nicht. Da die Planungen für 1989 wieder besser aussahen, wollte er, um seinen Ruf als Sanierer nicht zu gefährden, erst gehen, wenn die Zahlen wieder stimmten.
In diesem Punkt uneins, machten sie sich getrennt auf Nachfolgesuche. --- S.77
Emcke schaute sich nach Ersatz für Lundkvist um, Wirsing nach einem neuen Aufsichtsratschef.
Wirsing wurde als erster fündig. KHD-Chef Neukirchen erklärte sich prinzipiell bereit, anstelle von Aufsichtsrat Horst W. Urban (53), der sich stärker auf seine Aufgabe als Conti-Chef konzentrieren will, in das Deckel-Kontrollgremium einzuziehen und gegebenenfalls auch den Vorsitz zu übernehmen. _____" Verkaufsabsichten scheiterten "
Dann wurde die Neukirchen-Zuwahl erst einmal wieder abgeblasen. Weil die Familie plötzlich die Absicht äußerte, sich von einem Teil ihrer Aktien zu trennen, und mit Interessenten verhandelte, wollte Wirsing personell nichts präjudizieren.
Dies galt vor allem für den Plan, mit der Rothenberger-Gruppe und dem von dieser kontrollierten Drehmaschinenhersteller Pittler AG, die bereits Deckel-Aktien besaßen, eine strategische Allianz einzugehen, was sowohl auf die Lösung des Managementproblems als auch auf die Aufsichtsratsbesetzung Einfluß gehabt hätte.
Doch die Rothenbergers, mit denen Wirsing sich bereits über einen Verkauf eines 25-Prozent-Pakets auf Basis Börsenkurs einig glaubte, bekamen schließlich Angst vor der eigenen Courage, zumal sie gerade den Deckel-Konkurrenten Werner und Kolb AG aus Bundesbesitz übernommen hatten.
Da ihnen der Deckel-Preis angesichts bereits kolportierter Verluste im Jahr 1989 nicht mehr angemessenen schien und die Deckel-Unterhändler Michael Deckel und Wirsing den Wissensnotstand der Rothenbergers nicht beheben wollten oder konnten, brachen diese die Gespräche kurz vor Jahrsende ab.
Nun war in den Personalfragen plötzlich Eile geboten, denn anders als vom Vorstand geplant und vom Aufsichtsrat lange gutgläubig angenommen, war das Jahr 1989 voll danebengegangen. Deckel hatte zwar für 650 Millionen Mark Aufträge hereingeholt, 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Doch abgesehen davon, daß die Branche insgesamt (plus 30 Prozent) und vor allem Wettbewerber Maho (plus 40 Prozent) wesentlich erfolgreicher akquiriert hatten, konnten die Münchner nur Aufträge für 480 Millionen Mark ausliefern, ein Minus von acht Prozent.
Bestelltes hatte Deckel nicht oder noch nicht mit der von Grundig seit 1987 versprochenen neuen Dialog-11-Steuerung parat. Dagegen war vieles, was produziert worden war, gerade nicht gefragt. Im Januar dieses Jahres lieferten die Münchner zwar so viele Maschinen aus wie noch nie. In der Ertragsrechnung für 1989 dürften sich die jetzt endlich weitgehend behobenen Steuerungsprobleme, ein Zinsmehraufwand von fast zehn Millionen Mark, Sonderabschreibungen, Mindererlöse sowie die Verlustfinanzierung aber zu einem Rekordverlust von 45 Millionen Mark summieren. Die Aktionäre gehen garantiert leer aus.
Zum Vergleich: Konkurrent Maho, seit 1986 ebenfalls Publikumsaktiengesellschaft, der zum 30. Juni 1989 bilanziert, steigerte den Umsatz um 27 Prozent auf 432 Millionen Mark und schüttete 14 Prozent Dividende aus.
Während Aufsichtsratschef Emcke wie verabredet den Weg zu einem Wechsel freigab, allerdings nicht ohne in der Presse einen starken Abgang zu inszenieren (Tenor: Dissens über die Unternehmensstrategie), übt sich Lundkvist in guten Vorsätzen ("Das Programm wird gestrafft") und Durchhalteparolen ("Wir kämpfen weiter") und sucht sein Heil auf einem Nebenkriegsschauplatz.
Die Deckel-Maschinenverkleidungen sollen zentral in einem neuen Zweigwerk in Lothringen produziert werden. Gleich, ob sich dieses, wie in München behauptet wird, wegen der hohen Ansiedlungssubventionen rechnet oder ob der Transport von Luft, so die Konkurrenz, zu teuer wird; dem Pfrontener Wettbewerber, der bei Maschinenverkleidungen ausschließlich auf Zulieferer setzt, servierte Lundkvist damit ein werbewirksames Bonmot: "Deckel macht Blech, Maho baut Maschinen."
DER SPIEGEL 8/1990 vom 19.02.1990, Seite 127b-130
Erben
Drunter und drüber
Deutschlands größter Hersteller von Werkzeugmaschinen, ein Familienbetrieb, rutschte durch Mißmanagement in die Krise.
Wenn
im Haus Bodling, einem 30-Zimmer-Anwesen in Schönrain, zum Empfang
gebeten wird, hat die Schickeria von München tagelang ein
Gesprächsthema. Hausherr Hanns Michael Deckel, 48, ist bekannt für
seine spendable Art und den illustren Kreis seiner Gäste aus dem
bayerischen Hochadel.
Auch
Deckels 20 Jahre jüngere Ehefrau Katharina von Wolffersdorff belebt das
Partygeplapper mit Einblicken in ihre private Sorgen. Trotz eifrigster
Bemühungen, so klagt die Adelige beispielsweise, habe sie für ihre
viele Kleidung noch keine Garderobiere finden können.
Seit
einigen Wochen haben die Gäste in Schönrain einen neuen Gesprächsstoff.
Hausherr Deckel ist mit seinem Unternehmen in eine ernste Krise
gerutscht.
Während
die gesamte Branche bei vollen Auftragsbüchern gute Gewinne macht,
erwirtschaftete die Friedrich Deckel AG, der größte deutsche Hersteller
von Werkzeugmaschinen, im vergangenen Jahr einen Verlust von 45
Millionen Mark. Kurzarbeit und Entlassungen stehen bevor. Das 1903
gegründete Traditionsunternehmen ist ein Opfer schwerer
Fehlentscheidungen.
Über
Jahre hinweg hat das Management in die falschen Produkte investiert und
das einträgliche Stammgeschäft mit Fräs- und Bohrmaschinen
vernachlässigt. Rund 650 Millionen Mark Umsatz sollte der Konzern nach
den Planungen des Vorstandes 1989 erzielen. Erreicht aber wurden gerade
535 Millionen Mark.
Verärgert
über die desolaten Verhältnisse bei Deckel legte der Hamburger
Unternehmensberater Manfred Emcke seinen Aufsichtsratsvorsitz nieder.
Immer wieder hatte der von der Familie Deckel vor 14 Jahren
verpflichtete Chefkontrolleur auf personelle Veränderungen an der
Spitze gedrängt. Doch Mitinhaber Hanns Michael Deckel hält an dem
umstrittenen Chefmanager Leif Lundkvist fest.
Der
Niedergang der einst florierenden Firma ist ein lehrbuchhafter Fall von
Mißmanagement, wie es in Familienunternehmen häufig zu finden ist. Wie
bei Pelikan, Dornier, Knorr-Bremse oder Pierburg, wo ehrgeizige, aber
heillos überforderte Nachfahren große Teile ihrer Firmenvermögen
verwirtschafteten, haben die Großaktionäre von Deckel das Desaster
mitverschuldet.
Konzern-Erbe
Hanns Michael Deckel hält zusammen mit seiner Schwester rund 30 Prozent
der Aktien. Mit einem ähnlichen Anteil ist ein zweiter Familienstamm
beteiligt, dessen Interessen im Aufsichtsrat der Münchner Anwalt Georg
Wirsing vertritt.
Deckel,
Wirsing und Chefmanager Lundkvist haben das Unternehmen auf die schiefe
Ebene manövriert. Lundkvist, der viele Jahre lang bei US-Firmen, so
auch beim Werkzeugmaschinen-Riesen Cincinnati Milacron, gearbeitet
hatte, wollte bei Deckel unbedingt amerikanische Dimensionen sehen. Als
der Norweger 1984 in München anfing, sollte bei Deckel alles einige
Nummern größer werden.
Bohr-
und Fräsmaschinen für Handwerk und Kleinbetriebe reichten Lundkvist
nicht. Vollautomatische Fertigungszentren wollte er entwickeln und sich
damit als Konkurrent zu Konzernen --- S.130 wie Thyssen und Mannesmann
profilieren. Ein Technologie-Konzern sollte Deckel werden. Vom Einstieg
in das US-Geschäft erwartete er enorme Wachstumssprünge.
Solche
kühnen Pläne gefielen vor allem Hanns Michael Deckel. Ihm selbst war
das Münchner Unternehmen schon lange viel zu provinziell.
Während
der Miterbe Fritz Deckel vom anderen Familienstamm sich dem süßen Leben
verschrieb und nach Palm Springs umsiedelte, wollte Vetter Hanns
Michael beweisen, daß in ihm mehr steckt. Für acht Jahre übernahm er
den Vorstandsvorsitz und das Ressort Produktion.
In
den Fabrikhallen ging es bald drunter und drüber. Die Abläufe zwischen
Materialbeschaffung und Fertigung stimmten nicht, Produktionstermine
konnten nicht eingehalten werden. Der Chef, stets darauf bedacht, die
Aufenthaltsdauer in seinem Büro in Grenzen zu halten, war immer
seltener zu erreichen. Er verbrachte viel Zeit auf Modeschauen und
Empfängen zwischen München und Sankt Moritz.
Zu
seinem Pech sackte die Branche Anfang der achtziger Jahre auch noch in
eine unerwartete Rezession. Die Deckel AG wurde von der Flaute
besonders schwer getroffen, weil die Firma damals gerade die
Kapazitäten im Stammgeschäft mit hohem Investitionsaufwand erneuern und
erweitern ließ.
Deckel-Aufsichtsräte
wie Werner Niefer (Daimler-Benz) und Hans Moll (MAN) zwangen Deckel
schließlich zum Rücktritt. Doch an den wohlmeinenden Rat, sich aus den
Management-Angelegenheiten rauszuhalten, hielt sich der Mitinhaber
nicht.
Deckel
wechselte in den Aufsichtsrat und entschied mit seinem Kollegen Wirsing
auch weiter im Tagesgeschäft mit. Chefmanager Lundkvist, ein leicht zu
dirigierender Mann, hatte nichts dagegen. Die beiden garantierten ihm,
daß er trotz der Anfeindungen aus dem Aufsichtsrat den Posten behalten
konnte.
Der Firma bekam diese Art Management schlecht. In den
Böse
Schlappen gab es auch auf dem heimischen Markt. Weil einige
Deckel-Produkte nicht lieferbar waren, wanderten viele Kunden zu
Konkurrenten ab. Oft stockte die Produktion, weil schlichte Bleche für
die Verkleidung oder Chips für die Steuerung fehlten. Der Vertrieb, für
den Lundkvist verantwortlich war, brach zeitweilig zusammen.
Für
Nachbesserungen wegen schwerer Mängel mußte Deckel seit 1987 rund 30
Millionen Mark aufwenden. In den Lagerhallen stapelte sich die Ware,
neue Kredite mit zusätzlichen Zinsbelastungen in zweistelliger
Millionenhöhe wurden fällig.
Als
im vergangenen Sommer das Ausmaß des Schadens durch Mißmanagement
deutlich sichtbar wurde, wollten Deckel und Wirsing schnell das
Unternehmen abgeben. Sie verhandelten mit dem Schweizer Firmenaufkäufer
Werner K. Rey. Der wollte auch 270 Mark je Aktie zahlen, Deckel aber
verlangte 300 Mark.
Über
die Münchner Beratungsfirma Matuschka ließen die Erben dann ihre
Anteile dem hessischen Maschinenbau-Unternehmen Pittler andienen. Doch
auch daraus wurde nichts, weil die Deckel-Erben den Interessenten
keinen Einblick in ihre Bücher gewähren wollten.
Notgedrungen
müssen sich Deckel und Wirsing nun wieder um die Tagesgeschäfte
kümmern. Gelernt haben sie offenbar aus der Misere nichts.
So
selbstherrlich wie früher suchten sie sich nun einen neuen
Aufsichtsratschef. Kajo Neukirchen, Chef von Klöckner-Humboldt-Deutz
(KHD), soll das schwierige Amt übernehmen. Die übrigen Aufsichtsräte
wurden überhaupt nicht gefragt. f
manager magazin 6/1993 vom 01.06.1993, Seite 86-90
Das letzte Gefecht
Die beiden führenden Werkzeugmaschinenbauer Maho und Deckel haben sich 20 Jahre erbittert bekämpft. Jetzt
Zwölf Arbeiter und 17 Maschinen verlieren sich in der riesigen
Die Halle der Zukunft steht in
In
den zwei Jahren zuvor waren insgesamt 174 Millionen Mark Gruppenverlust
aufgelaufen. Die Beschäftigtenzahl sank seit 1991 sogar um nahezu die
Hälfte: Damals hatte Maho 3460 Mitarbeiter auf der Payroll, heute sind
es 1800.
Eine
Wende ist nicht in Sicht. Über 400 Werkzeugmaschinen stehen bei Maho
unverkäuflich im Lager, weil die Aufträge sich seit 1990 halbiert
haben. Die Hausbanken, Deutsche Bank, Bayerische Vereinsbank und
Commerzbank, haben das Ruder des Unternehmens übernommen - allen voran
die Deutsche Bank, die Maho 1986 an die Börse gebracht hat. Sie stellt
mit Rolf E. Breuer (55) den Aufsichtsratschef. Breuer,
Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, ließ sich noch 1991 vom wilden
Expansionsdrang des Vorstands mitreißen, will jetzt aber entschlossen
sanieren.
Die
Rettung soll eine Fusion bringen. Im April gab Maho den Partner
bekannt: Es ist die Friedrich Deckel AG, ein Werkzeugmaschinenbauer aus
München, der - wie Maho - vor allem Bohr- und Fräsmaschinen herstellt.
Auch Deckel (290 Millionen Mark Umsatz, 1100 Mitarbeiter) hängt am
Tropf seiner Kreditgeber. Das Unternehmen - --- S.87
Großaktionär
ist der bayrische Baggerunternehmer Walter Eder (43) - hat mehr als 100
Maschinen im Lager, die sich nur mit hohen Rabatten losschlagen lassen.
In den nächsten Wochen wird Deckel den Jahresfehlbetrag für das Jahr
1992 bekanntgeben: rund 75 Millionen Mark.
Denn
seit 1989 häuft Deckel im Betriebsgelände an der Plinganserstraße in
München die Konzernverluste, insgesamt 54 Millionen Mark. Nur 1991
sprang ein kärglicher Jahresüberschuß - 0,9 Millionen Mark - heraus.
Deckel hat sich seit 1989 einer beinharten Radikalkur unterzogen und
die Belegschaft von 3000 auf heute 1100 Mitarbeiter zusammengestrichen.
Doch selbst das war nicht genug.
Allein
haben beide Unternehmen keine Chance. Eine Gemeinschaftsfirma
Maho/Deckel könnte jedoch, so hat die Unternehmensberatung Roland
Berger & Partner ausgerechnet, jährlich 100 bis 120 Millionen Mark
Kosten sparen - und das bei einem gemeinsamen Umsatz von derzeit 590
Millionen Mark. Ein enormes Synergiepotential - wenn die Rechnung
aufgeht. _____" Zwei in einem Boot "
Maho
und Deckel scheinen die idealen Fusionspartner zu sein. Beide Firmen
verfügen über ein nahezu identisches Produktprogramm, technologisch
sind sie beinahe gleichwertig, Umsatz und Beschäftigung bewegen sich in
ähnlicher Größe. Auch die alten Feindseligkeiten sind begraben:
Jahrzehntelang beharkten sich die beiden ehemaligen Familienunternehmen
mit Kampfpreisen - bis sie endlich merkten, daß sie im selben Boot
sitzen: Die Synergiepotentiale in den Ressorts Fertigung, Forschung und
Entwicklung, Verwaltung, Einkauf und Vertrieb liegen auf der Hand.
Am meisten sparen läßt sich in der Fertigung. Sie soll zu einem großen Teil in die Zukunftsfabrik nach
Standort
München, wo Deckel im Stadtteil Untersendling, nahe der Innenstadt, zu
hohen Kosten fertigt. "Ein Kernstandort soll geschlossen werden", heißt
es im Fusionskonzept. Welcher das ist, ist noch nicht entschieden; doch
viel spricht gegen München.
Viel
Geld verplemperten beide Unternehmen bisher in der Forschung und
Entwicklung. Beide tüftelten allein vor sich hin, obwohl ihre Produkte
- vor allem Fräsmaschinen und Bearbeitungszentren - sich bis aufs
Detail gleichen. Deckel bastelte an ausgefeilten Modellen, um den
Konkurrenten Maho aus dem Feld zu schlagen - und umgekehrt. Heraus kam
ein Wildwuchs in der Modellpolitik, Geld spielte eine untergeordnete
Rolle. Allein bei Maho gibt es für das Fräsgeschäft 26 Produktgruppen,
bei Deckel 19. Im Prinzip gilt: Jede zweite Maschine ist überflüssig.
In der F+E können zwischen 15 und 20 Millionen Mark eingespart werden.
Den
größten Nachholbedarf gibt es im Vertrieb. "Deckel beliefert den
Weltmarkt", behauptete das Unternehmen 1981 in seinem Börsenprospekt.
Der Satz klingt wie Hohn: Auf den rasant wachsenden Märkten
Südostasiens, wo viel Geld verdient wird, ist Deckel kaum stärker als
Maho. Deckel macht in Südostasien gerade mal 15 Prozent seines
Umsatzes, Maho dümpelt bei zwölf Prozent. "Wir haben bisher in
Deutschland Nabelschau betrieben, das müssen wir ändern", räumt Hermann
Mund (50), Finanzvorstand bei Deckel, selbstkritisch ein.
Deckel
und die Bielefelder Gildemeister AG, ebenfalls ein führender Anbieter
der Branche, gründeten zum 1. Januar 1993 gemeinsam eine
Vertriebsgesellschaft. Maho, deren bisherige Vertriebsorganisation Hahn
& Kolb wegen der miserablen Auftragslage Vergleich anmelden mußte,
wird sich dem Duo anschließen. Zusammen können die drei ihren Kunden
wesentlich mehr Service bieten, vor allem bei der Wartung oder der
Ersatzteilbeschaffung. Die Synergieeffekte der Vertriebskooperation
sind hoch: Sie liegen zusammengenommen bei etwa 30 Millionen Mark pro
Jahr. _____" Angriff auf die Japaner "
Das
Trio Maho/Deckel/Gildemeister, das gemeinsam auf ein Umsatzvolumen von
einer Milliarde Mark kommt, steht unter einem enormen Druck: Es muß
innerhalb weniger Jahre zu einem Global Player werden. Alex Kemna (58),
Vorstandsvorsitzender bei Gildemeister, will zu neuen Horizonten
aufbrechen. Im Klartext: Zusammen mit Maho und Deckel muß er in die
Phalanx der drei bis fünf besten Japaner einbrechen. Das Trio kann sich
nicht in eine High-Tech/High-End-Nische zurückziehen, sondern muß den
Markt für Standardmaschinen zurückgewinnen, der wegen zu hoher
Produktionskosten verlorengegangen ist (siehe Kasten Seite 93).
Das
Fusionskonzept offenbart erschreckende Zahlen: Im Markt der Zukunft -
dem Segment für die sogenannten vertikalen Bearbeitungszentren, die als
hochflexible Fräsmaschinen vor allem in der Automobilindustrie
eingesetzt werden - bringen beide Unternehmen nichts zustande. Ihre
Stückzahlen sind zu --- S.90
gering.
140 Bearbeitungszentren (BAZ) werden Deckel und Maho in diesem Jahr
produzieren; der japanische Werkzeugmaschinen-Gigant Mazak stellte
hingegen 1991 mehr als 3000 BAZ her, Konkurrent Mori Seiki bediente den
Weltmarkt mit 2000 Exemplaren. Deckel und Maho liegen mit zwei Prozent
Weltmarktanteil weit hinter den Konkurrenten zurück.
Die
Umsatzrendite des Gemeinschaftsunternehmens soll innerhalb von drei bis
vier Jahren auf über zehn Prozent steigen - das entspräche dem
Durchschnitt der japanischen Konkurrenz. Damit hätte das Unternehmen
ein tragfähiges Fundament; die Gewinne reichten aus, um ein Polster für
die regelmäßig wiederkehrenden Auftragseinbrüche von durchschnittlich
30 Prozent zu bilden. Das Unternehmen schlitterte dann nicht mehr
zwangsläufig bei jedem Konjunktureinbruch in die Krise.
Doch
Maho und Deckel erreichten selbst in dem wirtschaftlich für sie
hervorragenden Jahr 1986 lediglich jämmerliche 3,3 und 1,9 Prozent
Umsatzrendite. Die angestrebte Marke können sie nur schaffen, wenn sie
die Wurzel des Übels, die überhöhten Kosten, in den Griff bekommen. Den
beiden Maschinenbauern geht es wie vielen Herstellern der Branche: Sie
haben in den 80er Jahren, als sie sich wegen des Booms in vielen
westlichen Industrieländern vor Aufträgen kaum retten konnten,
Fixkostenblöcke aufgebaut, die sie nun wie Mühlsteine nach unten
ziehen.
Der
Erfolg der Fusion hängt vor allem von zwei Faktoren ab: Zum einen
sollen die Kosten für Abfindungen und Sozialpläne 100 bis 120 Millionen
Mark nicht überschreiten; sie müssen durch die erhofften
Synergieeffekte eines Jahres ausgeglichen werden. Ist diese
Voraussetzung erfüllt, können die kostensenkenden Wirkungen der Fusion
schon im zweiten Jahr voll wirken.
Zudem
hoffen die beiden Fußkranken, daß die Konjunktur im
Werkzeugmaschinenbau wieder anzieht. Zu einer wirtschaftlichen Belebung
könnte es frühestens in der zweiten Jahreshälfte kommen: Die Bayerische
Landesbank rechnet in einer Branchenanalyse für den
Werkzeugmaschinenbau mit höheren Auftragseingängen in der zweiten
Hälfte des Jahres, weil sich der Konjunkturaufschwung in den
Eine
Reihe von Fragen ist allerdings noch ungeklärt. Wo soll das
Hauptquartier des neuen Unternehmens sitzen? Wer wird der neue Chef?
Welche Gesellschaft wird die aufnehmende sein? Wie wird das fusionierte
Gebilde heißen? Bis August wollen die Eigentümer die Antworten finden.
Im selben Monat sollen zwei außerordentliche Hauptversammlungen den
Zusammenschluß besiegeln. Ein Veto des Kartellamts ist nicht zu
erwarten; es handelt sich um eine Sanierungsfusion, und auf dem
Weltmarkt haben Deckel/Maho alles andere als eine marktbeherrschende
Stellung. Konflikte drohen aus einer anderen Ecke. Anfang Juni werden
die Wirtschaftsprüfer ihre Arbeit beenden; erst dann steht fest, wie
die --- S.93
Unternehmen
bewertet werden und welcher Aktionär - betroffen sind hier vor allem
die Deutsche Bank und Walter Eder - auf wieviel Geld verzichten muß.
Klar, daß das Ergebnis der Wirtschaftsprüfer nicht kampflos akzeptiert
wird. Es wird zu einem Hauen und Stechen kommen. Viel Zeit zum Streiten
bleibt den Beteiligten nicht mehr. Am 1. Oktober soll das neue
Unternehmen einsatzfähig sein. Ein Zurück gibt es nicht; denn eine
Stand-alone-Politik oder eine Liquidation wären töricht: Sie kämen die
Eigentümer nach Berechnungen von Roland Berger weitaus teurer als die
Fusion. Deckel und Maho haben nur gemeinsam eine Zukunft - oder gar
keine.
manager magazin 9/1993 vom 01.09.1993, Seite 11b-15a
Deckel Maho
Der Mann fürs Grobe
Ein marodes Unternehmen mit eiserner Hand zu sanieren, empfindet Bodo Viets als "wunderschöne Herausforderung".
Am
9. September soll die Fusion der beiden Maschinenbauer Maho AG und
Friedrich Deckel AG auf der Hauptversammlung von Maho besiegelt werden.
Der Aufsichtsrat des neuen Unternehmens wird im Anschluß daran den
Vorstand wählen. Doch das Rennen ist längst gelaufen. Hinter den
Kulissen haben sich die Eigentümer auf Viets geeinigt. Mit ihm treten
Hermann Mund und Michael Geiger an.
Hinter
Viets steht Rolf-E. Breuer, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, die
Maho als Konsortialinstitut vor sieben Jahren an die Börse führte und
auch Hauptkreditgeber des Unternehmens ist. Zugestimmt hat auch der
Mehrheitsaktionär von Deckel, der Großindustrielle Walter Eder.
Viets
ist ein knallharter Manager - einer, der schnell und entschlossen
durchgreift, manchmal am Rande der Brutalität. Für Viets zählen nur
Zahlen. Die beiden Hauptaktionäre halten den 50jährigen Rationalisierer
für den idealen Mann, um --- S.14
das
Sanierungskonzept des Unternehmensberaters Roland Berger durchzusetzen.
Viets und seine beiden künftigen Kollegen stehen vor einer
Herkulesaufgabe: Maho und Deckel sind wirtschaftlich am Ende, die
Deckel Maho AG kann nur durch drastische Kostensenkungen überleben.
Dabei müssen sie vor allem die möglichen Synergieeffekte ausschöpfen,
jährlich 100 bis 120 Millionen Mark (siehe mm 6/1993).
Im
vergangenen Jahr erzielten die Firmen zusammen rund 750 Millionen Mark
Umsatz, die Deckel Maho AG wird aller Voraussicht nach das größte
Unternehmen der deutschen Werkzeugmaschinen-Industrie sein. Viets hat
Erfahrung als Sanierer: Bei der Baumaschinen-Fabrik Stetter GmbH in
Memmingen schaffte er in nur drei Jahren den Turnaround; er hievte das
mittelständische Unternehmen zwischen 1988 und 1991 von 5 Millionen
Mark Jahresfehlbetrag auf 10 Millionen Mark Gewinn. Im März 1992 kam
Viets zu Maho, beriet den damaligen Vorstandschef Werner Babel und
übernahm nur vier Monate später mit Breuers Hilfe den Chefposten.
Mit
seinen neuen Vorstandskollegen Mund und Geiger, die beide aus dem
Vorstand von Deckel kommen, sollte Viets kooperieren können. Mund hat
bei Deckel als Finanzchef eine gute Figur gemacht. Geiger, seit 1975 im
Vorstand von Deckel, gilt als fachlich kompetent und als hemdsärmeliger
Techniker mit einem guten Draht zur meist mittelständischen Kundschaft.
Die
Verlierer im Gerangel um die Vorstandsposten sind Georg Werntze,
Richard Bauer und Martin Grübl. Werntze, bei Maho bisher als
Vorstandsmitglied für Technik zuständig, wurde ausgemustert, weil er
allzuoft nur die technische Seite der Probleme sah und zu selten auf
die Kosten achtete. So stockte er selbst im Rezessionsjahr 1991 die
Investitionen von 76 auf 120 Millionen Mark auf und schaffte es nicht,
das völlig überdimensionierte Produktionswerk in Kempten auszulasten,
das nun halb leer steht.
Richard
Bauer, derzeit noch Finanzvorstand bei Maho und erst seit Anfang des
Jahres in der Topetage, ist zwar fachlich versiert, aber relativ
unerfahren. Der Techniker Martin Grübl wurde erst im April dieses
Jahres als Experte für strategische Allianzen in den Vorstand von
Deckel berufen. Gegen seinen Widersacher Michael Geiger konnte sich der
59jährige aber nicht durchsetzen. --- S.15
So
ist der neue Vorstand mit einem Techniker, einem Kaufmann und dem
Vorsitzenden besetzt. Doch ein Vorstandssitz für Marketing und Vertrieb
fehlt. Diese Aufgabe will der ehrgeizige Viets selbst übernehmen.
DER SPIEGEL 10/1994 vom 07.03.1994, Seite 104b-105
Unternehmen
Zwei Kranke im Bett
Dauerkrise beim Maschinenbauer Deckel Maho: Die Banken müssen wieder einmal zahlen.
Rolf
E. Breuer weiß zu beeindrucken. Das Vorstandsmitglied der Deutschen
Bank hält gern große Reden, die gepflegte Erscheinung mit dem stets
gebräunten Teint strahlt Energie und Entschlußkraft aus.
Die
Selbstdarstellung steht im krassen Gegensatz zu der Erfolgsbilanz des
Bankers. Hohn und Spott erntete Breuer, 56, als er im Sommer
vergangenen Jahres vor dem Kauf deutscher Aktien warnte. Kurz darauf
explodierten die Kurse. Wenig später mußte er sich von einem engen
Mitarbeiter wegen verbotener Insidergeschäfte trennen.
Am
schwersten aber schadet Breuer seine Rolle als
Aufsichtsratsvorsitzender des fusionierten Werkzeugmaschinenherstellers
Deckel Maho. Das Unternehmen --- S.105 kämpft wieder einmal ums
Überleben.
Am
Montag vergangener Woche beriet der Aufsichtsrat, wie das angeschlagene
Unternehmen zu retten ist. Bei dem größten deutschen
Werkzeugmaschinenhersteller ist das Grundkapital zur Hälfte aufgezehrt.
In
den kommenden Tagen entscheiden Banken und Großaktionäre, ob sie der
Firma neues Geld geben und auf alte Forderungen verzichten sollen.
Verweigern einige Anteilseigner oder Kreditgeber die Zustimmung, muß
die Deutsche Bank zusätzliche Risiken übernehmen.
Für
Breuer wäre das bitter. Der Bankmanager und seine Kollegen hatten Maho
1986 an die Börse gebracht. Damals galt die Pfrontener Firma als heißer
Tip.
Das
änderte sich Anfang der neunziger Jahre. Seit es mit der Konjunktur
bergab ging, machten Maho und sein Münchner Hauptkonkurrent Deckel hohe
Verluste.
Auf
Drängen Breuers und seiner Berater mußten die Maho-Aktionäre einen
empfindlichen Kapitalschnitt hinnehmen und dem Zusammenschluß mit dem
einstigen Erzrivalen zustimmen. Das geschah im vergangenen Herbst.
Bereits 1995 sollte die fusionierte Firma wieder Gewinne machen.
Branchenkenner
meldeten schon damals Zweifel an. Sowohl Deckel als auch Maho stellen
überwiegend Fräs- und Bohrmaschinen her. Die teuren Spezialanlagen
lassen sich in Krisenzeiten nur schlecht verkaufen.
Billigere
Maschinen bieten Deckel und Maho nur in begrenzter Stückzahl an.
Deshalb waren beide Firmen von der Rezession besonders stark betroffen.
"Wer zwei Kranke zusammen ins Bett legt", warnten Fachleute vom Verein
Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken, "macht sie damit noch lange nicht
gesund."
Die Kritiker sollten recht behalten. Knapp ein halbes Jahr später muß das Unternehmen erneut saniert werden.
Statt
der geplanten 470 Millionen Mark werden die Deckel-Maho-Manager in
diesem Geschäftsjahr, das am 30. Juni endet, wohl nur 340 Millionen
Mark umsetzen. Die Verluste stiegen dagegen immer weiter, sie dürften
sich in diesem Jahr auf stolze 140 Millionen Mark summieren.
Die
Dauer-Misere liegt nicht nur an der schlechten Konjunktur. Schuld hat
auch Chefkontrolleur Breuer. Er hat seine Aufsichtspflicht bei Deckel
Maho sträflich vernachlässigt.
Zu Boom-Zeiten sah er der hemmungslosen Expansion von Maho-Chef Werner Babel tatenlos zu. In
Vor
und nach der erzwungenen Fusion ließ Breuer die Spitzenmanager von
Deckel und Maho gewähren. Die zerstritten sich über die Frage, welche
Produkte künftig an welchen Standorten gefertigt werden sollten.
Die
ehemaligen Deckel-Manager wollten zumindest eines der beiden Münchner
Werke erhalten. Der ehemalige Maho-Chef Bodo Viets und seine Kollegen
dagegen wollten die gesamte Produktion in Pfronten und im thüringischen
Seebach konzentrieren.
Viets,
nach der Fusion als Chef von Deckel Maho vorgesehen, konnte sich mit
seiner Auffassung nicht durchsetzen, er wird die Firma demnächst
verlassen.
Solange
der Streit um die Standorte andauerte, konnten die Manager niemanden
entlassen. Sie wußten ja nicht, wer langfristig noch gebraucht wurde.
Das
Versäumnis rächt sich nun. Statt, wie geplant, rund 700 Arbeitsplätze
müssen die Deckel-Maho-Manager jetzt rund 900 Stellen abbauen.
Nun
sind, wieder einmal, die Banken gefordert. Um die Firma zu retten,
müssen allein die Deutsche Bank und die Bayerische Vereinsbank in den
kommenden Monaten zweistellige Millionenbeträge abschreiben. Bereits im
vergangenen Herbst hatten die Kreditinstitute dem Unternehmen
Forderungen im Wert von 100 Millionen Mark erlassen.
Außerdem
braucht Deckel Maho neue Kredite in Höhe von rund 70 Millionen Mark.
Einen großen Teil davon soll die Bayerische Landesanstalt für
Aufbaufinanzierung übernehmen.
Die
Anteilseigner müssen erneut einem Kapitalschnitt zustimmen. Besonders
schlimm soll es den früheren Maho-Chef Babel und den Mainburger
Industriellen und Großaktionär Walter Eder treffen. Ihr Kapital soll
gleich zweimal zusammengestrichen werden.
Vor allem
Verweigert
sich einer der Geldgeber oder Großaktionäre, muß das ganze Konzept
erneut überarbeitet werden. Dann droht Deckel Maho das Aus.
Das
will Breuer auf jeden Fall verhindern. Doch eine Sanierung ist
schwierig; der Ruf des Unternehmens ist inzwischen, auch dank Breuer,
erheblich angeschlagen.
"Wer kauft schon gern bei einer Firma", meint ein Brancheninsider, "von der er nicht weiß, ob es sie morgen noch gibt." Y
manager magazin 4/1994 vom 01.04.1994, Seite 64a
Gildemeister ante portas?
Geheimabsprachen über einen geplanten Dreierbund der Werkzeugmaschinenbauer
Schon
in Kürze werden die Vorstände von Deckel Maho und Gildemeister konkrete
Gespräche über eine "gesellschaftsrechtliche Integration" der zwei
Unternehmen beginnen. Das belegt eine bislang geheimgehaltene
Vereinbarung zwischen Gildemeister AG und Friedrich Deckel AG vom 13.
Januar 1993. Auszüge:
"...
Die Vertragspartner haben sich in einer Absichtserklärung vom 21. 10.
1992 darüber geeinigt, in bestimmten dort vereinbarten Schritten einen
unternehmerischen Zusammenschluß der beiden Gesellschaften
durchzuführen.
Der
Vorstand der Maho AG und deren Großaktionäre haben erkennen lassen, daß
die Maho AG mit Deckel kooperieren will. Deckel und Gildemeister gehen
davon aus, daß die Deutsche Bank AG und die Bayerische Vereinsbank AG
als Großaktionäre der Maho AG die Aufnahme von Kooperationsgesprächen
zwischen den Unternehmen Deckel, Gildemeister und Maho unterstützen
werden ...
Die
beabsichtigte gesellschaftsrechtliche Verbindung zwischen Deckel und
Gildemeister soll in noch festzulegender Weise dadurch erweitert
werden, daß die Maho AG in den Integrationsprozeß einbezogen wird ..."
Gut
vier Monate später, am 27. Mai 1993, bestätigen die Vorstände von Maho
und Deckel dem Vorstand von Gildemeister in einem Brief, daß "wir nach
rechtskräftigem Vollzug der Verschmelzung seitens der vereinigten
Deckel/Maho AG in Verhandlungen eintreten werden, um unter sachlichen
und zeitlichen Aspekten eine gesellschaftsrechtliche Integration der
Gildemeister AG zu untersuchen".
Im
Antwortschreiben vom 7. Juni 1993 macht auch der Gildemeister-Vorstand
noch einmal deutlich, daß "nach Vollzug der Deckel-Maho-Verschmelzung
absprachegemäß Verhandlungen mit dem Ziel einer zu einem angemessenen
Zeitpunkt nachfolgenden gesellschaftsrechtlichen Integration unserer
Gesellschaft aufgenommen werden".
manager magazin 3/1995 vom 01.03.1995, Seite k.A.
Rettung vor der Pleite
Wie Gildemeister wieder auf die Beine kommen will
Im Oktober wird in
Der
Fall Gildemeister ist symptomatisch sowohl für den Absturz als auch für
den mühevollen Wiederaufstieg einer ganzen Branche. Jahrelang hatte es
Millionenverluste gehagelt, die einen Kapitalschnitt,
Forderungsverzichte der Banken und mehrere Kreditbürgschaften des
Landes Nordrhein-Westfalen unvermeidlich machten.
Selbst
der Vorstand schien zwischenzeitlich die Hoffnung auf eine Wende
verloren zu haben. Der Kapitalerhöhung vom Februar 1994 war eine höchst
ungewöhnliche Warnung an die Aktionäre vorangegangen: "Nur für
spekulativ eingestellte Anleger."
Trotz
leerer Kassen mußte der Pleitekandidat Gildemeister nur wenige Monate
später, im August 1994, zwei zwischenzeitlich fusionierte
Konkursbetriebe übernehmen: Deckel und Maho. Nur durch den Kauf von
Deckel Maho konnte der eigene Vertrieb gerettet werden, der 1993 in der
gemeinsamen Deckel-Gildemeister Vertriebsgesellschaft aufgegangen war.
Inzwischen
ist das Schlimmste geschafft: Im Kerngeschäftsbereich der Gildemeister
Drehmaschinen GmbH wurde jede zweite Stelle abgebaut, die
Fertigungstiefe drastisch reduziert und das zersplitterte
Produktprogramm bereinigt. Fortan gibt es keine maßgeschneiderten, zu
hohen Stückkosten produzierte Maschinen, sondern Universalgeräte.
Trotz
ihres Konkurses vom Juli 1994 hält die neue Gildemeister-Tochter
Deckel-Maho GmbH im Markt der Fräsmaschinen einen Anteil von 60 Prozent
-- und rangiert damit dank ihrem branchenweit anerkannten Vertrieb um
Längen vor dem Hauptkonkurrenten Hermle (18 Prozent Marktanteil). Mit
148 Millionen Mark liegt der Auftragseingang für das fünfmonatige
Rumpfgeschäftsjahr um 21 Millionen Mark über Plan.
Konzernweit
sind die Aufträge 1994 um 20 Prozent auf 567 Millionen Mark nach oben
geklettert. Zusammen mit Deckel Maho schaffte Gildemeister 1994 einen
Umsatz von knapp 520 Millionen Mark. Und nach einem Vorjahresminus von
70 Millionen Mark rechnet der Konzern für 1994 mit einem mehr als
halbierten Verlust. 1995 soll Gildemeister operativ wieder Schwarz
schreiben und zumindest im Gesamtergebnis ausgeglichen abschließen, für
1996 wird ein ebenfalls positives operatives Ergebnis von 45 Millionen
Mark erwartet.
Schwächen
hat Gildemeister vor allem im internationalen Geschäft: Über 70 Prozent
des Konzernumsatzes werden in Europa getätigt. Eine geplante
Vertriebskooperation mit Cincinatti Milacron, dem größten
Werkzeugmaschinenbauer der
manager magazin 3/1995 vom 01.03.1995, Seite k.A.
Zu spät geschaltet
Die deutschen Hersteller elektronischer Maschinensteuerungen stehen vor dem Aus -- gute Chancen hat nur noch Siemens.
Der
Blick in die Bilanzen ihres großen japanischen Konkurrenten Fanuc ist
für die deutschen Hersteller elektronischer Maschinensteuerungen immer
wieder peinlich. 38 Prozent Umsatzrendite hat Fanuc 1991
erwirtschaftet. Und selbst 1993, als die Branche mitten in der Krise
steckte, konnte der Gigant aus Fernost noch ein Viertel des Erlöses als
Gewinn vor Steuern verbuchen.
Für
Klaus Wucherer, Geschäftsgebietsleiter im Siemens-Unternehmensbereich
Automatisierung, gibt es da nichts zu beschönigen. "Die Japaner hatten
uns bereits Ende der 80er Jahre abgehängt", gibt Wucherer zu. "Sie
haben viel höhere Stückzahlen verkauft als wir, sie hatten geringere
Produktionskosten, und sie waren auch in der Technik besser."
Selbst
zu Zeiten der Hochkonjunktur haben die deutschen Steuerungshersteller
-- zu denen neben Siemens auch Bosch und Grundig gehören -- im
Vergleich zu den Japanern nur wenig verdient. Seit 1991 schreiben alle
Verluste.
Unter dem Mismanagement
Eine
fatale Situation: Die veralteten Steuerungen sind ein wesentlicher
Grund dafür, daß die deutschen Werkzeugmaschinen auf dem Weltmarkt an
Bedeutung verlieren. Und weil die hiesigen Steuerungshersteller
weitgehend von den wenigen Aufträgen ihrer deutschen Kunden abhängen,
fehlt der Steuerungsbranche wiederum das Geld für Neuentwicklungen.
Inzwischen decken Fanuc, Mitsubishi und
Nennenswerte
Exporte betreibt kaum einer der deutschen Anbieter -- mit Ausnahme der
Siemens AG, aber auch deren Kunden sitzen überwiegend in Europa. Die
anderen deutschen Hersteller konzentrieren sich auf den Inlandsmarkt,
und der ist völlig zersplittert. Viele haben nur einige wenige Kunden.
So entwickelt die Grundig AG, die mittlerweile auch die
Steuerungssparte der Konzernmutter Philips übernommen hat, ihre
Steuerungen hauptsächlich für die Gildemeister AG und deren Tochter
Deckel Maho.
Hersteller
wie Siemens haben zwar eine Vielzahl von Kunden, leisteten sich bislang
aber den Luxus, für jeden Großabnehmer eine eigene Steuerungsversion zu
entwickeln. Da schrumpften die Losgrößen beinahe auf Einzelfertigung
zusammen.
Fanuc
dagegen produziert pro Jahr zwischen 60 000 und 70 000 Steuerungen und
hält sich nicht lange mit Sonderwünschen auf. Was aus
Seit
über zehn Jahren bedrängt der Verein Deutscher
Werkzeugmaschinenfabriken (VDW) seine Lieferanten, gemeinsam eine neue
Steuerungsgeneration zu entwickeln. Selbst ein vom VDW
zusammengestelltes Pflichtenheft mit den Anforderungen an eine
zukünftige Steuerung half nichts -- die Firmen haben sich bis heute
nicht zusammengefunden. Versuche einzelner Unternehmen, wie zum
Beispiel Bosch, ihre Steuerungen zu verbessern, konnten deren
internationale Wettbewerbsfähigkeit kaum stärken. Experten gehen davon
aus, daß nur wenige der deutschen Nischenanbieter die nächsten Jahre
überstehen werden. Gute Chancen hat im Moment nur Siemens. Nach langen
internen Kämpfen um die Frage, wie die nächste Steuerungsgeneration
aussehen sollte, gab der neue Entwicklungschef des Geschäftsgebiets
Steuerungen und Antriebe 1991 endlich die Richtung vor. Die
Siemens-Techniker entwickelten eine sogenannte offene Steuerung. Die
ermöglicht es den Kunden, direkt an der Werkzeugmaschine die
firmenspezifischen Arbeitsabläufe zu programmieren.
Nach
Einschätzung der Münchner Unternehmensberatung Mercer (vormals UBM)
könnte es mit dieser modernen Steuerung, die seit kurzem zu kaufen ist,
tatsächlich gelingen, den Abstand zu den Japanern zu verringern.
Womöglich schafft es Siemens sogar, mit den Steuerungen, die einen
Umsatz von 900 Millionen Mark machen, wieder ordentlich Geld zu
verdienen: Die Produktion wurde neu organisiert, die Teilevielfalt
reduziert und das Produktprogramm gestrafft. Dies erhöhte die
Produktivität um 55 Prozent.
Die
Aufholjagd hätte es eigentlich nicht gebraucht, Siemens könnte längst
zur Weltelite der Steuerungshersteller gehören. Die Voraussetzungen
wurden 1965 geschaffen, als Siemens mit Fanuc ein Kooperationsabkommen
schloß. Doch die Deutschen waren mal wieder zu penibel.
"Wenn
in den gemeinsamen Entwicklungsteams eine Idee aufkam", so erinnert
sich Siemens-Manager Wucherer, "haben unsere Leute erst mal überlegt,
dann die Idee verworfen, wieder überlegt und es dann doch nicht
gemacht." Bis sich die Siemens-Ingenieure einigten, war Fanuc mit dem
neuen Produkt schon auf dem Markt.
So lief die deutsch-japanische Entwicklungskooperation bereits Ende der 70er Jahre wieder aus.
Der
lange Weg zur Scheidung: 1985 beendete Siemens auch die europäische
Vertriebskooperation mit Fanuc, fünf Jahre später erlosch zudem die
gemeinsame Vertriebsfirma in Nordamerika. Die Gesellschaft gehörte zu
gleichen Teilen Fanuc und Siemens. Der Grund: Weil Fanuc modernere
Steuerungen als der Partner Siemens anbot, wurden in den
manager magazin 3/1995 vom 01.03.1995, Seite k.A.
Nichts begriffen
Kaum
ein Industriezweig wurde von der Rezession so hart getroffen wie der
deutsche Werkzeugmaschinenbau. Jetzt geht es wieder aufwärts. Aber ist
die personell und finanziell ausgeblutete Branche wirklich gerettet?
Der
Bittbrief ("Sehr geehrter Herr Reuter") ließ an Dringlichkeit nichts zu
wünschen übrig. "Die Situation in unserer Branche", schrieb der
Coburger Schleifmaschinenfabrikant Bernhard Kapp an den Daimler-Chef,
"wird von Monat zu Monat existenzgefährdender. Viele fast
ausschließlich mittelständische Betriebe werden zugrunde gehen." Und
weiter: "Ich bitte Sie eindringlich, anstehende Investitionen möglichst
bald freizugeben."
Heute,
genau 18 Monate nach dem Absenden des Hilferufs, scheint das Schlimmste
überstanden. Der Werkzeugmaschinenbau, dessen Umsatzniveau sich
innerhalb von drei Jahren glatt halbierte, bekommt endlich wieder jene
Aufträge, die noch vor Jahresfrist so dringend fehlten. 30 Prozent mehr
Bestellungen konnten die Hersteller bereits 1994 verbuchen, 1995 soll
es fast noch einmal soviel werden.
Der
abrupte Auftragsboom überrascht eine finanziell und personell
ausgebrannte Branche. Kaum ein anderer Industriezweig ist in den
vergangenen Jahren dermaßen eingebrochen wie der S.59
Werkzeugmaschinenbau, kaum eine andere Branche trägt auch heute noch
solch tiefe Narben. Claus Garbe, Partner bei der Unternehmensberatung
Roland Berger: "Die Finanzen sind aufgebraucht, es fehlen die Mittel
für neues Wachstum."
Mehr
noch: Mit zweistellig steigenden Auftragseingängen schrumpfen zwar die
konjunkturellen Probleme, doch das Gros der strukturellen Schwächen ist
noch immer unbewältigt.
Das
trifft die gesamte deutsche Wirtschaft. Der vergleichsweise kleine,
aber technologisch höchst entwickelte Werkzeugmaschinenbau (rund 350
Unternehmen, gesamter Produktionswert: gerade mal zehn Milliarden Mark)
gilt als Schlüsselbranche. Für die Wettbewerbsfähigkeit einer Industrie
ist er genauso bedeutend wie die Chiphersteller für die Elektrotechnik.
Weil
praktisch gleichzeitig alle Absatzmärkte rund um den Globus
zweistellige Minusraten schrieben, waren die Unternehmen in ein zuvor
nie erlebtes Rezessionstief gestürzt. Das heutige Produktionsniveau
liegt um 40 Prozent unter dem des Jahres 1991, jeder dritte der vormals
fast 100 000 Beschäftigten verlor seinen Job.
Der
freie Fall, gegen den die Absatzprobleme anderer Branchen harmlos
wirken, vernichtete eingespielte Firmenkulturen, wertvolles
Mitarbeiter-Know-how und weltbekannte Unternehmen: Führende
Fräsmaschinenhersteller wie Maho und Deckel, beides vormals Symbole für
den scheinbar uneinholbaren technologischen Vorsprung der deutschen
Industrie, wurden erst glücklos fusioniert, meldeten dann Konkurs --
und wurden schließlich an die ebenfalls angeschlagene Bielefelder
Gildemeister AG (siehe Kasten Seite 62) verkauft. "Unsere Industrie",
sagt Berthold Leibinger, Geschäftsführer und Inhaber des schwäbischen
Familienunternehmens Trumpf, "hat enorm an Kraft verloren."
Mit
der Krise begann ein für die mittelständische Branche bis dahin
einmaliger Konzentrationsprozeß: Die ehemalige
Metallgesellschaft-Tochter Schiess ging an die akquisitionsfreudige
Dörries Scharmann, eine Tochter des Bremer Vulkan. Der ebenfalls
schlingernde schwäbische Drehmaschinenhersteller Traub übernahm mit
Hilfe dreistelliger Millionensubventionen die Chemnitzer
Werkzeugmaschinenfabrik Heckert und schloß sich mit dem
Fräsmaschinenproduzenten Hermle zu einer Vertriebsgemeinschaft zusammen
(siehe Kasten Seite 61). Und die Hamburger Körber AG baut um den
übernommenen ostdeutschen Schleifring eine komplette Firmengruppe. "Das
vergangene Jahr", schreibt das Fachblatt "Fertigung", "war das Jahr der
Übernahmen."
Und
der Banken: Die Gebrüder Rothenberger wollten die WestLB bei ihrer
hektisch aus maroden Betrieben zusammengekauften
Werkzeugmaschinengruppe mit ins Boot bekommen, hatten dabei aber nur
bedingt Erfolg (mm 2/1995). Für andere große Unternehmen wie
Gildemeister oder Traub "wäre ein Überleben aus eigener Kraft", so eine
Branchenstudie der Frankfurter Privatbank Schröder Münchmeyer Hengst
& Co., "ohne die verschiedenen Formen der Bankenhilfe gar nicht
möglich gewesen".
Bleibt
da noch Zeit und Kraft für den großen strategischen Wurf? "Sparen,
Streichen und Fusionieren allein war bislang das Programm", heißt es
etwa in einer S.60 Branchenanalyse der Stuttgarter Unternehmensberatung
Management Partner. "Die alten strukturellen Defizite wurden nur
teilweise beseitigt, die Zeit des Umbruchs nicht genutzt."
Noch
immer leistet sich der deutsche Werkzeugmaschinenbau eklatante
Schwächen. Deutsche Hersteller haben sich in die oberste und
technologisch anspruchvollste Nische abdrängen lassen. Sie produzieren
wenige Maschinen, die aber mit extremer Variantenvielfalt.
Japanische
Anbieter können mit ihren in Großserien aufgelegten Produkten rund 80
Prozent aller weltweiten Kundenwünsche bedienen. Hans Dieter Pötsch,
Vorstandschef der Traub AG: "Wir haben das Standardmaschinengeschäft zu
stark den Japanern überlassen."
Mit
ihren Kleinstserien fehlt den deutschen Herstellern der Cash-flow für
den Aufbau internationaler Vertriebs- und Serviceorganisationen. Die
Unternehmen sind noch immer zu einseitig auf den europäischen Markt
fixiert. Zwei Drittel des Umsatzes werden innerhalb Europas getätigt.
Bedeutende Abnehmerländer in Asien wie
Zudem
fehlen internationale Produktionsstätten: In den USA, nach Japan der
zweitgrößte Einzelmarkt der Welt, sind japanische Anbieter mit über
zehn Fabriken vertreten, deutsche mit zwei.
Typisch
für die alten Schwächen der Branche ist der Fall des Hauses
Gildemeister: S.61 Ein Drittel der Produkte war für zwei Drittel des
Verlustes verantwortlich.
Die
deutschen High-Tech-Lieferanten verlangen für ihr hohes technisches
Niveau entsprechend hohe Preise, dennoch sind die Japaner -- inzwischen
auch mächtig gebeutelt -- meist ertragsstärker. Unternehmen wie Mori
Seiki oder
Gerade
Nischenhersteller müßten sich zusammentun, um gemeinsam ihre Produkte
weltweit zu verkaufen. So errichten etwa die vier
baden-württembergischen Unternehmen Jung, Schuler, Pfauter und SMG
derzeit ein Servicezentrum in der chinesischen Sonderwirtschaftszone
Tianjin. Doch noch immer ist so etwas die Ausnahme. Viele
Mittelständler betreuen ihre Kunden rund um den Globus nicht vor Ort,
sondern per Flugzeug. Geht etwas kaputt, wird eigens ein deutscher
Techniker eingeflogen. Berger-Mann Garbe: "Da dominiert der alte
mittelständische Glaube, es immer allein zu schaffen."
Der
Kunde kommt dabei nur am Rande vor. Deutsche Werkzeugmaschinen sind
mitunter dermaßen kompliziert, daß so mancher potentielle Abnehmer
nicht über ausreichend qualifiziertes Bedienungspersonal verfügt.
Wie
schon in der EDV, haben sich deutsche Hersteller auch bei den
Computersteuerungen für Werkzeugmaschinen von Japan überholen lassen.
Ergebnis: Allein die drei japanischen Steuerungsproduzenten S.62 Fanuc,
Mitsubishi und
Japan ist heute vor Deutschland und den
"Auch
in Deutschland sollte es in ein bis zwei Jahren
Serienmaschinenhersteller mit rund zwei Milliarden Umsatz geben",
schreibt die Münchner Unternehmensberatung Wieselhuber & Partner.
Und weiter: "Nach dem Automobilbau und der Elektronik gerät mit dem
Werkzeugmaschinenbau nun auch die dritte industrielle Schlüsselbranche
unter Beschuß." Das Brandpapier der Berater wurde im März 1992 verfaßt.
Sehenden
Auges in die Krise gerauscht: Denn schon im September 1992 hatte das
Rationalisierungs-Kuratorium der Deutschen Wirtschaft gemeinsam mit der
IG Metall und dem Verein Deutscher Werkzeugfabriken eine
Konkurrenzanalyse verfaßt ("Erfolgsfaktoren des japanischen
Werkzeugmaschinenbaus").
" Blamage für die gesamte Branche "
Das
160seitige Werk ist eine Blamage für die gesamte Branche -- und leider
auch heute noch unvermindert aktuell: "Vergleichsweise geringe
Produktivität, lange Durchlaufzeiten und große Bestände führen zu hohen
Kosten Kosten und äußerst niedrigen Umsatzrenditen von knapp einem
Prozent."
Dabei
hatten selbst die Betriebsräte längst begriffen, wo es langgeht. Im
November 1988 waren Arbeitnehmervertreter des Drehmaschinenspezialisten
Traub von einer Studienreise durch die Werkshallen der japanischen
Konkurrenz zurückgekehrt. Sie berichteten von einer geradezu
"beängstigend durchgängigen Strategie zur Produktivität".
"Strategisches
Denken und Handeln geschieht im deutschen Werkzeugmaschinenbau nicht
selten erst unter hohem Leidensdruck, zu spät und zu halbherzig",
schrieben die Berater von Wieselhuber & Partner.
Die
Krise hat wenig bewirkt. "Die Einführung neuer Produktionskonzepte
steht erst am Anfang", heißt es in einer vor wenigen Wochen beendeten
Maschinenbaustudie der IG Metall. Neues Denken und Handeln bleibt die
Ausnahme: Erst jetzt wird in Singapur ein deutsches Industrie- und
Handelszentrum eröffnet, in dem auch deutsche Werkzeugmaschinenbauer
S.64 vergleichsweise kostengünstig ein eigenes Büro mieten können.
Warum das Ganze nicht schon früher? "Das", sagt Trumpf-Chef Leibinger,
"habe ich
Erst
jetzt bestimmen nicht mehr die Konstruktionsabteilungen den Preis,
sondern das Marketing; erst jetzt bieten Unternehmen wie Siemens eine
sogenannte offene Steuerung an, die der Anwender individuell seiner
Fertigung anpassen kann.
" Beim Export schon von
Erst
jetzt entdecken Hersteller wie Gildemeister den Markt standardisierter
und vergleichsweise einfacher Werkzeugmaschinen, die sich mit Hilfe
spezieller Module je nach Anwender bis zum obersten Leistungsniveau
hochrüsten lassen. Und erst jetzt will sich ein Mann wie Helmut
Rothenberger auch am teuren Standort Deutschland mit einer
Werkzeugmaschine a la "Swatch" versuchen. Und erst jetzt zerlegt
Trumpfkonzernweit die Fertigung in selbständige Produktionseinheiten
(siehe Kasten Seite 60).
Noch
sind die Deutschen weltweit technologisch führend, noch ist der
deutsche und europäische Werkzeugmaschinenbau ein Bollwerk der
westlichen Industrie. Doch beim Export hat
Denn
wie im Fahrzeugbau (siehe Seite 96) drängen nun auch im
Werkzeugmaschinengeschäft zunehmend junge und aggressive
Industrieländer wie
Japanische
Serienmaschinenhersteller rüsten ihre Produkte immer mehr auf, daher
ist inzwischen auch das deutsche High-Tech-Reservat gefährdet. Selbst
der Markt der sogenannten Hochgeschwindigkeitsbearbeitung, eine Domäne
der Deutschen, wird zunehmend von Maschinen made in
Der
Branchenkenner Peter Baumgartner, Geschäftsführer bei der Münchner
Unternehmensberatung Mercer (vormals UBM): "Erst haben die den Markt
der Standardmaschinen aufgerollt, und nun kommt mit Hilfe modularer
Konzepte das Segment der Spezialmaschinen an die Reihe."
Neue
Probleme bringt ausgerechnet der Aufschwung. Jene Unternehmen, deren
Eigenkapital nach drei dürren Jahren so gut wie verbraucht ist und
deren Kreditlinien bei ihren Hausbanken bis zur Oberkante ausgereizt
sind, müssen nun die steigenden Aufträge vorfinanzieren. Dabei sind die
Preise noch immer im Keller. Viele Hersteller arbeiten wieder emsig,
aber nur zum Deckungsbeitrag.
BMW-Produktionsvorstand
Joachim Milberg, Professor für Werkzeugmaschinenbau: "Wie die Deutschen
wieder aus den Startlöchern kommen, ist eine interessante Frage."
Fürwahr. Aus den
Amerikas
Hersteller hatten Anfang der 80er Jahre eine vergleichbare Krise. Heute
wird der zweitgrößte Markt der Welt bei Drehmaschinen zu drei Vierteln
von Mazak, Okuma & Co. bedient.
manager magazin 5/1995 vom 01.05.1995, Seite k.A.
GILDEMEISTER
Peinlicher Abschied
Jahrelang
schrammte die Gildemeister AG am Rande des Konkurses entlang. Nun
steigen die Umsätze mit zweistelligen Zuwachsraten, die Verluste
schrumpfen. Der Konzern ist gerettet.
Der
Chef muß trotzdem gehen. Im März 1996 läuft der mit 750 000 Mark
Jahresgehalt dotierte Vertrag von Axel Kemna (60) aus. Einen neuen
Vertrag gibt es nicht, das hat Kemna Mitte März vom
Aufsichtsratsvorsitzenden Manfred Lennings erfahren.
Seit
langem wächst der Unmut bei der WestLB, dem größten Aktionär und
Kreditgeber von Gildemeister. Und auch die anderen Mitglieder des
Bankenpools engagieren sich nicht mehr für Kemna.
AR-Chef
Lennings indes ist die Sache peinlich. Er selbst hatte Kemna an die
Spitze von Gildemeister geholt und sich stets schützend vor ihn
gestellt. Lennings dementiert denn auch die jüngste Entscheidung. "Über
den Vertrag von Herrn Kemna haben wir bislang nicht gesprochen", sagt
er ausweichend.
Die
strukturelle Schieflage bei Gildemeister war schon bei Kemnas
Amtsantritt 1986 unübersehbar. Das Produktprogramm stimmte nicht, die
Kosten übertrafen bei weitem das Niveau japanischer Wettbewerber, und
auf den Wachstumsmärkten Südostasiens und Nordamerikas war Gildemeister
kaum vertreten.
Keines
dieser Probleme hat Kemna wirklich angepackt, zu mehr als geringfügigen
Anpassungskorrekturen konnte er sich nicht durchringen. Zudem wird
Kemna von Insidern eine Reihe gravierender Fehlentscheidungen oder
Unterlassungen zugeschrieben:
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Bis vor kurzem hat Gildemeister einen Großteil der mechanischen
Maschinenkomponenten selbst gefertigt und dabei etwa 50 bis 60
Millionen Mark verloren.
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Die Sanierung der ehemaligen Gildemeister-Tochter Max Müller GmbH wurde
viel zu spät eingeleitet, die Verluste summierten sich auf 70 bis 80
Millionen Mark.
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Die Entwicklung einer eigenen CNC-Steuerung für Werkzeugmaschinen lag
außerhalb der Kernkompetenz von Gildemeister; es wäre günstiger
gewesen, die Steuerungen einzukaufen. Zusätzliche Kosten für
Gildemeister: rund 20 Millionen Mark. S.28 Insgesamt wird der
Substanzverzehr auf 250 Millionen Mark seit 1989 geschätzt. Doch in den
fetten Jahren fielen die strukturellen Schwächen des Konzerns und das
Mismanagement im Vorstand kaum auf. Erst als zwischen 1991 und 1993 die
Nachfrage nach Werkzeugmaschinen auf die Hälfte sackte, zeigte sich,
daß Gildemeister wenige Reserven hatte. Nur durch Forderungsverzicht
der Banken, durch Kreditbürgschaften und eine Kapitalerhöhung konnte
das Unternehmen am Leben erhalten werden.
Wenn
es jetzt wieder aufwärtsgeht, hat dies nicht allzuviel mit Kemnas
Leistung zu tun. Die Konjunktur hat sich erholt, die Branche kann die
Auftragsflut kaum bewältigen. Von dem Umschwung profitiert auch
Gildemeister: 1995 wird der traditionsreiche
Werkzeugmaschinen-Hersteller bei einem geplanten Umsatz von über 600
Millionen Mark erstmals wieder ein positives Ergebnis erzielen.
Zur
Gesundung des Konzerns trägt ein Sanierungskonzept bei, das im Kern auf
der Optimierung der Wertschöpfungskette und der Umgestaltung des
Produktprogramms beruht. Maßgeschneiderte Kundenlösungen, ehemals der
größte Verlustbringer, sind künftig out. Statt dessen wird sich
Gildemeister auf multifunktionale Standardmaschinen konzentrieren, ein
Marktsegment, das auskömmliche Gewinne verspricht.
Das
Konzept hat die Münchner Unternehmensberatung Hein & Partner
entwickelt. Kemna selbst, so wollen Branchenkenner wissen, habe zur
Problemanalyse und zur Umsetzung der vorgeschlagenen Maßnahmen nur
wenig beigetragen.
Unverhofftes
Glück bescherte Kemna außerdem der Kauf der fallierten Deckel Maho AG
im vergangenen August. Aus der Konkursmasse hatte AR-Chef Lennings nur
3 der ehemals 13 Fabriken herausgefischt. Deren Produktionsprogramm
wurde neu geordnet und die gesamte Firmenstruktur verändert. In der
Grundsubstanz gesund und von den hohen Verlustvorträgen der Vorjahre
befreit, entpuppt sich Deckel Maho jetzt als Perle für Gildemeister.
Das
erste Rumpfgeschäftsjahr beendete Deckel Maho noch mit einem kleinen
Verlust, bedingt durch 25 Millionen Mark Restrukturierungsaufwendungen.
Schon im laufenden Jahr wird die neue Gesellschaft einen Gewinn
erzielen.
Zu
spät für Axel Kemna. Die Bilanzpressekonferenz 1996 wird bereits ein
neuer Vorstandsvorsitzender leiten. Als potentieller Nachfolger von
Kemna steht Heinz Schaefer (58) bereit, der im jetzigen Führungsgremium
für Finanzen und Personal zuständig ist.